S wie Scharfstellen, denn beim Lesen von Kafkas kurzen Texten wird der Leser dazu angehalten den Text erneut zu lesen. Umso kürzer der Text so scheint es umso schärfer muss der Blick sein. (33/ Marie Schreiner)
Schaukeln der Wahrnehmungen
Vorstellend beobachten wir mit und vollziehen so gemeinsam mit dem Sprecher ein Schaukeln der Wahrnehmungen, ein Schaukeln zwischen Nähe und Entferung, zwischen Oben und Unten, zwischen Aufraffen und Fallen, zwischen einer kindlichen Unbeschwertheit und einer der Genauigkeit verpflichteten Strenge; ein Schaukeln vom Schlafen in das Wachen, vom Wald fort und in den Wald zurück, von der Wirklichkeit des Dorfes in die Sage von der Stadt im Süden – ein Schaukeln vom Sinn in den Unsinn und in die Narretei. Das Schaukeln der Wahrnehmungen schwingt im betrachtenden Subjekt: der Sprecher schaukelt vom „Ich“ zum „Wir“ und „Man“ – und wieder zurück zum „Ich“…
(100 / Niklas Nietsch)
„schief“
Nicht nur der Reiter sitzt hier anfangs schief. Der Satz selbst kommt zwei Schrecksekunden lang („gleich bereit, auf dem rennenden Pferde“) ins Rutschen, bevor er durch das Synchronisieren der Satzteile seine Balance wiederfindet.
(33 / Heike Gfrereis)
– bei der ersten Veröffentlichung ist der Text auch noch so gesetzt, dass er mitten drin umbrochen ist und auf eine neue Seite springt
Schlüssel
Mit Hilfe eines Schlüssels kann man Dinge aufsperren oder entsperren und somit neue, vorher verschlossene Räume öffnen. Wenn man den Schlüssel oder Schlüsselbund zu einem Text besitzt, kann man diesen dann ebenfalls aufschließen und die Räume hinter der ersten offensichtlichen Fassade entdecken. Wie ein Haus, dessen Haustüre erst aufgeschlossen werden muss, um die vielen – ebenfalls meist verschlossenen – Räume im Inneren zu erkennen und zu öffnen. Die Entschlüsselung, die hier stattfindet kann sich ganz spezifisch auf bestimmte Personen, Handlungen oder Orte beziehen, die es eigens zu offenbaren gilt und die auf spezielle reale Geschehnisse oder autobiographische Bezüge hindeuten oder aber ganz allgemein auf den Text. Dabei gibt es zum einen allgemeine Schlüssel, die zum selben Thema unterschiedliche Türen und somit Deutungen und Interpretationen öffnen können, aber auch ganz spezielle Schlüssel, die nur eine einzige Türe pro Thema öffnen und damit auch nur diese einzige Deutung zulassen. Je nachdem, welche Schlüssel man nutz, entdeckt man andere Räume im Haus und es bleiben einem andere Räume verborgen. (Kerstin Koschemann)
Schuld
Erstreckt sich auf die moralische, persönliche und existenzielle Ebenen ebenso zeigt sie sich als vielschichtiges und existenzielles Konzept, das sowohl persönliche, familiäre als auch moralische Dimensionen umfasst. Sie wirkt dabei als ein unfassbares, allgegenwärtiges Prinzip, unabhängig von klaren Taten oder eines durchbaubaren Systems. Wobei Natur und Ursprung der Schuld immer mysteriös und abstrakt bleiben. Dabei führt Schuld zu seinem Spannungsfeld von Verantwortlichkeit gegenüber dem Staat, sowie gegenüber dem eigenen zukünftigen Leben. Schuld wird hierbei mit Macht assoziiert, sowie mit inneren Konflikten und unausweichlichen Konsequenzen, die den Protagonisten zum Verhängnis werden. Zudem scheint Schuld nicht aus einer konkreten Handlungen zu resultieren, sondern vielmehr aus einer unauflöslichen Konfliktdynamik zwischen den jeweiligen Oppositionen. Schuld zwingt jemanden daher in einen Zustand der Unsicherheit, Scham und Angst. (122 / Lea Sophie Sauerteig)
(Un)Schuld
Die Protagonisten beider Texte werden mit ihren (vermeintlichen) Verfehlungen konfrontiert, im Urteil durch den Vater und im Prozess durch das Justizsystem. Während im Prozess allerdings nie benannt wird, worin genau die Schuld Josef K.s bestehe, wird der Vater von Georg Bendemann im Urteil konkreter, indem er seinem Sohn vorwirft, zu wenig um die Mutter zu trauern und den Petersburger Freund hintergangen zu haben. In beiden Texten können die Protagonisten die Anklagen nicht nachvollziehen – und damit auch die Lesenden nicht, da sie durchgängig an die Perspektiven der Protagonisten gebunden bleiben. Im Urteil gibt sich Georg seiner unausweichlich scheinenden Schuld letztendlich hin und begeht auf die Verurteilung durch den Vater hin Selbstmord, während Josef K. versucht, seine Unschuld zu beweisen, aber scheitert und schlussendlich hingerichtet wird. Die Frage nach der (Un)Schuld bleibt somit offen. (134 / Hannah Ansel)
Sehnsuchtslose
Beschreibt die Sehnsucht nach einem Dasein, dass noch nicht klar definiert ist. Bisher ist die lose
Sehnsucht nicht mehr als ein bloßes Gefühl, dass mit dem ausgesprochenen Wort umso mehr an
Schärfe verliert. (33 / Marie Schreiner)
Selbstauflösung
Der gescheiterte Versuch sich in eine freie, zwanglose Welt zu träumen im Einklang mit der Natur.
Scheiternd an dem Zwang zu kontrollieren, bis auch der Traum sich auflöst, wie das Selbst im hier.
(33 / Nele Meißner)
Selbstbehauptung durch Selbstzerstörung
Sowohl Das Urteil als auch Der Prozess enden jeweils mit der Vernichtung des Protagonisten durch allmächtige Gewalten. Einerseits ist da in Der Prozess das omnipräsente Gericht, dessen Einfluss sich K. trotz anfänglicher Versuche nicht entziehen kann. In Das Urteil ist es schließlich der Urteilsspruch des Vaters, den der Sohn wie fremdgesteuert ausführt, auch wenn ihn dies vermutlich sein Leben kostet – oder aber gerade, weil es das tut. Denn durch das Fallenlassen ins strömende Wasser entzieht er sich der Übermacht des Vaters und erreicht dabei eine Art Emanzipation, die jedoch durch die Tatsache eingeschränkt ist, dass sie immer noch durch den Vater angeordnet wurde. Die Verschränktheit der Situation erinnert an die Exekutionsszene des Prozesses, in der K. durch die Weigerung, Suizid zu begehen, der übergeordneten Macht der Behörde seine vernichtende Selbstbehauptung überlässt. (131 / Pascal Röder)
SEXY / Körperlichkeiten
Implizite Umschweifungen von gesellschaftlich unschicklichen Themen, die Wellen der Zeit durchbrechende Dampfer doch stehts den Anker haltend in den Theorien der Gegenwart. Doch wenn die Gegenwart rostet, die Vergangenheit sich absetzt, sinkt das Verständnis von Dampfern. Da klingt es wohl eher wie eine Symphonie aus hochtrabenden, Geplapper.
In Zeiten in denen Freud eine Krone trug und der durch und durch schlechte Mensch nur durch seine Triebe bestimmt denkt und lenkt, da ist die Triebhaftigkeit dennoch ein Tabu, keine Worte zu Hosen und Röcken, soll es sich schicken, anständig die Augen nur in Augen blicken zu lassen. Doch wenn dieser Augenblick vergangen ist und die Neuzeit längst das Reich der Haut und Sinnlichkeit poetisiert hat. Dann ist all das Vergessen. Denn nur durch den Spiegel der Vergangenheit mit dem Verständnis des Zeitgeist lässt sich fassen, dass die unumwunden preisgegebenen Körperlichkeiten sich doch auf das Wesen hinter dem Text ausdehnen, dass Figuren ausleben, was damals unaussprechlich erschien. In Anbetracht dieser verruchten Realitäten :– Ist das nicht sexy
(165 Wörter zu Neue Rundschau Kafka Kafka Kafka Kafka Kafka: Gender und Sexualität / Nele Meißner)
Sicherheitsvorkehrungsmaßnahmenüberlegungen
Bezeichnen den kognitiven, monologischen Prozess, bei dem fortwährend über potenzielle Gefährdungen nachgedacht wird, obwohl keine unmittelbare (wahrnehmbare) vorliegt. Trotz zahlreicher präventiver Maßnahmen nehmen die Angst und die innere Unruhe, ausgedrückt in hypothetischen Gefährdungsszenarien, zu. Insgesamt drücken diese Überlegungen eine Unsicherheit aus, die trotz der vermeintlich sicheren Umgebung, der Abschottung und der umgebenden Stille den Leerraum lassen für Gedankenkreise, die sich mit immer mehr Unsicherheiten befassen. (66 / Simone Heiß)
Somnambul
Beschreibt einen Zustand des Wachtaumelnden, der, noch nicht erwacht, die Welt aus neuen Augen erblickt. Seine Wahrnehmung ist unverfälscht und noch nicht getrübt durch die Gläser des Vergleichs, der sich im Wachzustand organisch aufdrängt. Das Hören, Riechen und Schmecken gleicht dem eines Kindes, dem die Umgebung als ein neues Unbekanntes entgegentritt. Auf Zehenspitzen tappt das Individuum durch den Raum, den es mit jedem Schritt konzipiert und dem Lesenden zugänglich macht. Es entsteht ein Innen im Außen, das privat und heimlich dem Beobachtenden eintritt gewährt ohne ihn als solchen zu entlarven. Der heimliche Blick ist der engste Verbündete des Wachschlafenden. (99 / Marie Schreiner)
Striche
Geschriebene Wörter bestehen aus einer Vielzahl kurzer oder langer Striche. Digital oder mit Schreibmaschine verfasste Texte verraten dabei wenig über die Gefühle des Schreibenden. Aber in Handschriften, die ja für jeden einzigartig sind, ist jeder Strich mit Bedeutung und Emotion aufgeladen. Mit Leichtigkeit geschrieben oder aufgedrückt, geschnörkelte oder gekritzelte Ks. Man kann erkennen, wann sich der Autor Zeit ließ und wann die Striche geradezu manisch aus seinem Kopf, über den Arm und durch den Stift zu Papier flossen, während die Nacht verstrich. Meist nimmt er keine Korrekturen vor, doch manchmal streicht er etwas mit Wellenlinien oder nüchternen
Strichen aus. (99 / Svenja Trojan)
Synästhesie
Vom griechischen Syn, für Vereinigung, und Aesthesis, für Empfindung. Ein Begriff für die Vereinigung der Sinneseindrücke.
So vereinigt auch Kafka Bewegung und Buchstabe.
Wort und Bild. Text und Form. Geschichten, wie Bilderbücher voller Tinte – trotz hüpfender Lettern sieht jeder die Erzählungen im Geiste. Doch keiner verbindet und bewegt die Worte wie Kafka selbst. Baut Brücken aus Buchstaben, geschickter wie mancher Architekt. Sieht Zusammenhänge im Wort, wie in komplexen Palästen, hisst Flaggen aus Titeln, welche wehen durch Geschichte und Erzählung. Wahrnehmung – ist ein komplexes Konstrukt nicht einheitlich objektifizierbar, durch Subjektivität infiziert und durchdrängt – zusammengebracht, vereinigt und verbunden durch jeden selbst. (99 / Nele Meißner)
weitere Begriffe: Spiralartig, Schwankend, Scheinbar, Sprunghaft, Selbstoptimierung, Schriftbildbewegend, Semantisierungsraum, Schlafend, Skulpturieren, Sichtbarmachen, Surreales, Selbstsetzung und Selbstzersetzung, Satzgewirr, Subtile Ironie
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