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Von Übermacht bis Unwahrscheinlichkeit gelingender Kommunikation

U wie Übermacht ist ein Nomen, aber auch das Bindewort, das viele der Geschichten Kafkas als gemeinsames Ganzes zusammenhält. Namenlos bleibt die übermächtige Bedrohung in „Der Bau“, während Georg Bendemann sich im Angesicht seines Vaters machtlos fühlt, Josef K. ist wiederum der Übermacht eines undurchsichtigen Staates ausgeliefert, der er nicht entrinnen kann. Die Übermacht eines Wunsches nach Freiheit wird in „Wunsch, Indianer zu werden“ erfahrbar. (65/ Marie Schreiner)

Uneigentlich
Kafkas Protagonist Georg Bendemann in „Das Urteil“ pflegt eine langjährige Brieffreundschaft mit einem nach Russland ausgewanderten Freund, der sich dort unermüdlich um geschäftliche Erfolge bemüht: „Nun betrieb er ein Geschäft in Petersburg, das anfangs sich sehr gut angelassen hatte, seit Langem aber schon zu stocken schien.“ Um seinen Freund nicht mit seinen eigenen unternehmerischen Erfolgen zu beschämen, erfahren die Schilderungen Georg Bendemanns in seinen Briefen eine Anpassung an diesen Zweck. „Aus diesen Gründen konnte man ihm, wenn man noch überhaupt die briefliche Verbindung aufrecht erhalten wollte, keine eigentliche Mitteilungen machen.“ Georg Bendemann erschafft eine zweite Version seines Lebens, indem er durch Aussparungen und Berichten über Bedeutungsloses nur das Uneigentliche berichtet. Sein vermeidende Brieffreundschaft spiegelt sein Verhältnis zu seinem Vater, das ebenso durch das Vermeiden vom Eigentlichen geprägt ist. (131/ Marie Schreiner)

Unermüdlich
Eine unklare, nicht lokalisierbare Gefahr bedroht den Erzähler. Die Maßnahme ist die ununterbrochene Arbeit am Bau, der Schutz bieten soll. Derselbe muss immer wieder in seinen Grundsätzen überdacht werden, um sich den Umständen der potenziellen Bedrohungen ideal anzupassen. Er dient als Festung gegen das unberechenbare Außen und verfehlt dennoch seinen Zweck im Innern Sicherheit zu vermitteln. Das Außen bleibt unkalkulierbar und somit der Bau eine Sisyphosaufgabe.
(66 / Marie Schreiner)

Unerklärliches erklären
Kafka selbst schreibt über sein Werk Das Urteil, dass es nicht zu erklären sei; dennoch versucht er, die Figuren seines Werks und die Geschichte zu erklären. In Bezug auf die Literaturtheorie der Hermeneutik versucht Kafka hier einerseits, die Unerklärlichkeit des Textes in allen einzelnen Aspekten durch eigene Aussagen beizubehalten (also die einzelnen Betrachtungen als Teil des Ganzen), und andererseits versucht er, das Textganze zu erläutern, indem er einzelne Textaspekte wie die Figuren und deren Motivation bzw. deren Verhältnis erklärt. Das Verstehen des Textes wird in Kafkas Das Urteil selbst zum hermeneutischen Element, da sich die gesamte Geschichte um das Verstehen der Briefe des fernen Freundes dreht. Dabei ist das Verstehen – oder Nichtverstehen – sowie das Erklären der vermeintlichen Intentionen des Briefschreibers der Hauptaspekt des ersten Handlungsabschnitts, der sich bis zum Schluss nicht eindeutig klären oder interpretieren lässt. Dies hebt den Versuch hervor, Unerklärliches durch die Betrachtung einzelner Aspekte oder als Ganzes zu erklären. Dennoch bleibt das Ganze auch im Versuch seiner Erklärungen unerklärlich und im hermeneutischen Zirkel wiederkehrend unterschiedlich auslegbar.
(169/Lea-Sophie Sauerteig)

Universalität
Kafkas Werk wirkt nach einem Stöbern in der Forschungsliteratur und der Sichtung anderer Adaptionen, als würde die Person und das aus ihm resultierende Werk eine gewisse Universalität und schon fast prophetische Interpretationen ermöglichen. Simon Vestdijk vergleicht Kafkas Werk, allen voran „Der Prozess“ , mit der Verfolgung der Juden durch das NS-Regime und den Strukturen, welche dort primär agierten und verfolgten. Orson Welles‘ Verfilmung des Prozesses zieht denselben Schluss und setzt gerade durch den immer stärker werdenden Surrealismus die Sinnlosigkeit, Ausweglosigkeit und Brutalität des Handelns der NS-Akteure mit Kafkas Beschreibung eines unfairen und ebenso ausweglosen Prozesses gleich. Es wäre natürlich fatal Kafka eine prophetische Kraft zuzuschreiben, jedoch kann man ihm vielleicht eine gewisse, besondere Art des Verständnisses der „conditio humana“ zuschreiben, welche seine eigene und auch erscha&ene Erlebenswelt, für so viele die sich ebenfalls hoffnungslos und aussichtslos fühlen, greifbar oder zumindest nachempfindbar macht. Und vielleicht ist Kafka genau deswegen so einflussreich auf alle Bereiche der Kunst und des Lebens, sei es der Film, die Forschung oder die Literatur. (168/Daniel Andresz)

Unvollkommenheit
Bau und Erbauer sind unvollkommen. Vollkommene Sicherheit des Baus würde dem Wesen Ruhe verschaffen, doch diese ist unerreichbar. Annähernde Sicherheit wird der Unsicherheit der Freiheit geopfert, gemessen an der Vollkommenheit wirkt alles Unvollkommene einerlei. Das Nichterreichen der vollkommenen Ruhe stärkt die Unruhe. Selbst die Sicherheit müsste zur Vollkommenheit gesichert werden. Ruhe und Frieden erreicht nur der Wächter, doch diese ist nur Schein und dem Wesen unzugänglich. (66 / Pascal Röder)

(Un)schuld
Die Protagonisten beider Texte werden mit ihren (vermeintlichen) Verfehlungen konfrontiert, im Urteil durch den Vater und im Prozess durch das Justizsystem. Während im Prozess allerdings nie benannt wird, worin genau die Schuld Josef K.s bestehe, wird der Vater von Georg Bendemann im Urteil konkreter, indem er seinem Sohn vorwirft, zu wenig um die Mutter zu trauern und den Petersburger Freund hintergangen zu haben. In beiden Texten können die Protagonisten die Anklagen nicht nachvollziehen – und damit auch die Lesenden nicht, da sie durchgängig an die Perspektiven der Protagonisten gebunden bleiben. Im Urteil gibt sich Georg seiner unausweichlich scheinenden Schuld letztendlich hin und begeht auf die Verurteilung durch den Vater hin Selbstmord, während Josef K. versucht, seine Unschuld zu beweisen, aber scheitert und schlussendlich hingerichtet wird. Die Frage nach der (Un)Schuld bleibt somit offen. (134 / Hannah Ansel)

„Unwahrscheinlichkeit gelingender Kommunikation“
In Kafkas Welt ist Sprache oft mit einigen Schwierigkeiten verbunden: Worte werden zwar gesprochen, doch ihr Sinn bleibt ungewiss. Die Figuren bemühen sich, miteinander zu
kommunizieren, doch ihre Botschaften verfehlen oft ihr Ziel, werden missverstanden oder ins Gegenteil verkehrt. Besonders in Das Urteil zeigt sich dies deutlich: Georgs Gespräch mit seinem
Vater eskaliert und gipfelt in einer sprachlichen Konfrontation, welche nicht zu Verständigung, sondern zu einer Katastrophe führt. Auch „Der Prozess“ kreist um gescheiterte Kommunikation. Josef K. spricht mit Anwälten, Priestern und Gerichtsdienern, doch jedes Gespräch verstrickt ihn nur tiefer in ein unverständliches System. Ähnlich ergeht es K. in Das Schloss, wo alle Versuche, mit der undurchschaubaren Macht zu sprechen, ins Leere laufen. Kafkas Geschichten zeigen, dass Sprache oft keine absolute Klarheit bringt. Sie verspricht einen Sinn, doch oft bleibt sie vage und irreführend. Kommunikation wird so zu einer Quelle von Missverständnissen und zur Ursache von Isolation. Seine Figuren suchen nach Bedeutung, doch die Welt antwortet ihnen nicht – und genau darin liegt ihre ausweglose Tragik.
(165 / Eva Mack)

Unentrinnbarkeit
Ein Gefühl des Gefangenseins in einem System oder einer Ordnung, das den Figuren keine Fluchtmöglichkeiten bietet. (ChatGPT)

Unsichtbarkeit des Sinns
Der Eindruck, dass eine Bedeutung oder Ordnung existiert, die aber konsequent verborgen bleibt. (ChatGPT)

weitere Begriffe: Umkreisend, Ungeplant geschrieben: Eingebung, Unteilbar

 

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