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Von a- und e-Texten bis Auflösung

a- und e-Texte
Was bleibt, wenn man Kafkas Texte auf ihre Vokale reduziert – oder ihre Buchstaben zählt? Diese Methode des Lesens ist im Fall von Kafka eine besondere Art des Distant Reading, des Lesens aus Distanz. Über die Namen in „Das Urteil“ hat Kafka in seinem Tagebuch geschrieben: „Georg hat soviel Buchstaben wie Franz. In Bendemann ist ‚mann‘ nur eine für alle noch unbekannten Möglichkeiten der Geschichte vorgenommene Verstärkung von ‚Bende‘.Bende aber hat ebensoviele Buchstaben wie Kafka und der Vokal e wiederholt sich an dengleichen Stellen wie der Vokal a in Kafka. Frieda hat ebensoviel Buchstaben wie F. und dengleichen Anfangsbuchstaben.“ (Kafka, Tagebücher 1910–1923, hg. von Max Brod. Frankfurt a. M.: S. Fischer, 1983, S. 217) An dieser Stelle der Definition fehlten noch 17 der 132 Wörter, jetzt gleich wird sie vollständig sein. (132 / Heike Gfrereis)

Absurde Entfremdung
Absurde Entfremdung bezeichnet das Gefühl, sich aus einer absurden Situation von anderen Menschen, der Gesellschaft oder sich selbst entfernt oder getrennt zu fühlen. In „Das Urteil“ erlebt der Protagonist Georg Bendemann eine starke Entfremdung von seinem Vater, der plötzlich eine unverständliche und mächtige Rolle übernimmt. Er versteht nicht, warum sein Vater ihn verurteilt, und verliert die Verbindung zu ihm. Dies führt zu einem absurden und tragischen Ende. In „Der Prozess“ ist Josef K. ebenfalls absurd entfremdet. Er wird ohne Erklärung verhaftet und in einen undurchsichtigen Prozess verwickelt, welchen er nicht versteht. Dadurch fühlt er sich von der Welt um ihn herum entfremdet und verliert den Bezug zu seiner Umgebung. In beiden Geschichten führt eine absurde Situation zu Entfremdung und einem Verlust von Identität und Kontrolle, was die Figuren in aussichtslose Lagen versetzt. (132 / Eva Katharina Mack)

Aktualisierbar
Jedes Satzteil legt uns nahe, uns einen Augenblick vorzustellen – und wir müssen aufpassen, dass wir den nächsten Moment nicht verpassen. Der kleine Text hat so weder Vergangenheit noch Zukunft. Er ist absolut gegenwärtig. (33 / Heike Gfrereis)

Anfangslos oder in medias res
Und zu Beginn gab es keine Erklärung, keine Aufklärung, kein nichts. Eine Gerichtsbarkeit ohne Tatvorwurf ist wie eine Geschichte ohne Anfang. Als schlug man das Buch mittig auf. Sollte nicht alles einen Anfang haben, einen Ursprung ? So ist es kein Zeichen von Unendlichkeit als viel mehr die Aussparung des mühevollen Erklärens der Gründe. Es bemüht sich der menschliche Verstand doch trotzdem einen Anfang zu finden, spinnt weiter nach den Möglichkeiten, doch kann niemals zweifelsfrei die Wahrheit wissen. Wettgemacht wird dieser Anfangsraub durch die Unendlichkeit der Sätze, so dehnen diese sich aus über die Seite, doch machen sie kaum den Inhalt wett. Ein elliptischer Fortgang mit Aussparung jedweder Erklärung, so fällt das Kind in den Fluss, der Hund stirbt zuletzt, doch am Ende bleibt nichts weiter als die Frage nach dem Anfang.
(131 / Nele Meißner)

Absurdität
Kafkas Werke zeichnen sich durch surreale und oft absurde Situationen aus, die das Verhältnis von Individuum und Welt in Frage stellen. (ChatGPT)

weitere Begriffe: Artikulationsscharf, Anlaufnehmen, Aufgabe des Beobachtungs-/Betrachtungsstandpunkts, Angst-Text, Autopoesis-Effekt, Absichern und Abdichten, Aufwühlen, Ausichend, Abdrucksreich, Adventsstil, Atmosphärischer Raum, Anfangslos, Auflösung

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