W wie Wohlklingend, dieses Adjektiv nimmt sich Georg Bendemann in Kafkas „Das Urteil“ zu Herzen in den Briefen, die er an seinen Freund in der Ferne schreibt. Um mit seinen eigenen Erfolgen nicht zu prahlen und damit die Freundschaft zu gefährden, modifiziert er in seinen Erzählungen seine Lebensrealität. Der Freund bemüht sich dabei um keinerlei Empathie, seine Briefe weisen ganz im Gegenteil eine gewisse „Trockenheit“ auf. (66/ Marie Schreiner)
Willkür
Michael Scheffel Strukturalismus. Reclam S. 59 -77 / Simon Vestdijk Über Der Proceß von Franz Kafka, S. 5 -17. Neue Rundschau 135. Jahrgang, 2024. Heft 1 Kafka Kafka Kafka Kafka. S. Fischer Verlag 2024 Michael Scheffel untersucht den Kausalzusammenhang des erzählten Geschehens im ‚Urteil‘, beginnend mit der Frage: Warum geht Georg zum Vater mit dem Brief? Unausgesprochen möchte er den väterlichen Segen für seinen Brief, für die Verlobung, also seiner Selbstwerdung. (S. 74). Das spricht „für eine starke innere Abhängigkeit von der väterlichen Autorität“. (S. 75) Dadurch, dass aus der Wahrnehmungsperspektive des Sohnes berichtet wird, bekommen wir keinen Einblick in das Denken des Vaters und keine Antwort auf die Bewertung des Sohnes durch den Vater. „Die Verurteilung des Sohnes stellt sich…als ein Akt der Willkür dar“. (S.76) Simon Vestijk schreibt über den ‚Proceß‘, dass Kafka den Totalitarismus vorausgeahnt…habe. (S.8), dargestellt als geheime Organisation mit hierarchischer Struktur. (S.7), Kafka nennt dies das Gericht. Jede Organisation, die Macht ausüben will, zielt auf den Einzelnen, um ihn für die eigenen Zwecke auszubeuten. Dazu gehört der Missbrauch von vagen Schuldgefühlen, die jeder besitzt. „Die große Kunst ist es, seinen Mitmenschen schwächer zu machen“ mit Hilfe von Schuldgefühlen. „Es ist …keine Gesellschaftsbildung denkbar, ohne dass die Gruppe den Einzelnen…zu etwas zwingt.“ (S. 16) (165 / Angelika Vipond)
Wirklichkeitsflucht
In dem Wunschdenken, ein Indianer zu werden, wird ein Unbehagen gegenüber der eigenen Realität sichtbar. Nach und nach demontiert sich die Vorstellung und die Flucht kann nicht gelingen, da der Konditionalsatz offen bleibt. (33 / Hannah Ansel)
Wissen und Macht
Im „Urteil“ geht es um den Machtkampf zwischen Vater und Sohn Georg. Georg nimmt den alten Vater als gebrechlich wahr. Er soll sich ausruhen. Behutsam kleidet er ihn aus, trägt ihn ins Bett und deckt ihn zu. Georg sieht nicht, dass er den Vater damit entmündigt. Der Vater schlägt zurück. Im Geheimen hat er über Georg seine eigene unvorteilhafte Meinung gebildet und offenbart ihm die „teuflische“ Seite seines Verhaltens: Schock und Todesstoß für Georg. Im „Prozeß“ ist die machtausübende Autorität eine absurde Gerichtsinstanz, der K. seine Unschuld beweisen muss, ohne je seine Schuld zu kennen. Das Nichtwissen ist durchgehend K.s Problem, nie sieht er das volle Bild der Dinge, muss Einschätzungen und Meinungen revidieren. Darin liegt die Schuld: Alles Weltverständnis besteht aus Meinungen, ist nur ein Teil der Wahrheit und daher fehlerbehaftet.
(133 / Angelika Vipond)
Wunschzügelung
Realistische Einbildungsphantasie: Die kurze Idee einer Phantasie wird zugelassen, bevor sie rational entkräftet, in die Realität eingebettet und auf den Prüfstand gestellt wird. Ein freies „Phantasiegespinn“ wird (künstlich?) zurückgehalten. Wo ist der Wunsch? (33 / Simone Heiß)
weitere Begriffe: Wandlung, Wirbelig, Wiederholungsspur, Wellig, Wegschneiden
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