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Kafka, schreibend

Kafka möchte eigentlich nur eines: schreiben. „In mir kann ganz gut eine Koncentration auf das Schreiben hin erkannt werden. Als es in meinem Organismus klar geworden war, daß das Schreiben die ergiebigste Richtung meines Wesens sei, drängte sich alles hin und ließ alle Fähigkeiten leer stehn, die sich auf die Freuden des Geschlechtes, des Essens, des Trinkens, des philosophischen Nachdenkens, der Musik zuallererst, richteten. Ich magerte nach allen diesen Richtungen ab“, notiert Kafka am 3. Januar 1912 in seinem Tagebuch. Dem Gefühl, Schriftsteller zu sein, schreiben zu wollen, zu sollen, vielleicht sogar zu müssen, ordnet er alles unter. „Schreiben ist mir in einer für jeden Menschen um mich grausamsten […] Weise das Wichtigste auf Erden, wie etwa einem Irrsinnigen sein Wahn […] oder wie einer Frau ihre Schwangerschaft“, schreibt er Ende März 1923 an seinen Freund Robert Klopstock.

 

 

Kafka verschickt die "Begegnung" (1906)

Im Herbst 1907 schickt Kafka seiner Urlaubsbekanntschaft Hedwig Weiler als Beilage zu einem Brief ein etwa ein Jahr altes kurzes Prosastück. Die noch in deutscher Schrift verfasste Erzählung – ein Jahr später wird Kafka zur heute üblichen lateinischen Schrift wechseln –, ist eine dialogisch angelegte Imagination, in der die Dialogpartnerin in der Fantasie des Ich-Erzählers entsteht: Dieser ersinnt die Begegnung mit „einem schönen Mädchen“, das er bittet: „Sei so gut, komm ein wenig mit mir“. Doch das Mädchen geht „stumm“ an ihm vorüber. Ebenso wie die Begegnung malt sich der Ich-Erzähler nun aus, was beide hätten sagen können, wenn es zu einem Dialog gekommen wäre. Das imaginierte Gespräch endet mit dem Entschluss, dass „lieber jeder allein nach Hause geh[t].“

Der 1906 noch mit Begegnung überschriebene Text wird im März 1908 unter dem Titel Abweisung als siebter von acht Texten der Sammlung Betrachtung in der von Franz Blei herausgegebenen Zweimonatsschrift Hyperion veröffentlicht.

Kafka ordnet das "Process"-Manuskript

Anfang August 1914 beginnt Kafka mit der Arbeit an einem neuen Roman: Der Process entsteht neben anderen Texten und Tagebucheinträgen in zehn verschiedenen großformatigen Heften. Vermutlich arbeitet Kafka gleichzeitig an mehreren Kapiteln. Um sich einen Rahmen zu setzen, zu verhindern, dass ihm sein Text wie sein erster, unabgeschlossener Roman Der Verschollene ‚auseinanderläuft‘, schreibt er – möglicherweise gleichzeitig – das erste und das letzte Kapitel. Dennoch werden die dazwischen liegenden Kapitel nicht fertig. Im Januar 1915 bricht Kafka die Arbeit ab. Erst später löst er die zum Process gehörenden Blätter aus den verschiedenen Heften und verteilt sie auf 16 Konvolute, deren jeweiligen Inhalt er auf Deck- oder Einschlagblättern stichwortartig festhält. Dafür nutzt er nicht mehr benötigte, ältere Typoskriptblätter. Auf diese Weise sind zufällig auch 13 Seiten der Erzählung Der Heizer überliefert, die 1913 erschienen war und zugleich das erste Kapitel des Verschollenen ist.

Kafka schreibt "Vor dem Gesetz" (1914)

In den parallel zur Arbeit am Process entstandenen Tagebucheinträgen äußert sich Kafka immer wieder unzufrieden über die Qualität und Quantität seines Schreibens. Irgendwann zwischen dem 18. Oktober und dem 13. Dezember 1914 entsteht jedoch ein Text, der eine der wenigen Ausnahmen bildet: die berühmte, zum Process-Konvolut „Im Dom“ gehörende Türhüterlegende, in der ein „Mann vom Lande“ zeitlebens vor der nur für ihn bestimmten Tür ebenso geduldig wie vergebens darauf wartet, eingelassen zu werden: Der Zugang zum Gesetz bleibt ihm verwehrt. Das Schreiben dieser Parabel erfüllt Kafka, wie er am 13. Dezember 1914 im Tagebuch notiert, mit einem „Zufriedenheits- und Glücksgefühl“. Im September 1915 publiziert er sie unter dem Titel Vor dem Gesetz in der zionistischen Wochenschrift Selbstwehr.

 
 

Kafka tippt "Eine kaiserliche Botschaft" ab (1917)

Im Herbst 1916 mietet Ottla Kafka in der Alchimistengasse 22 in Prag ein Häuschen, in das ihr Bruder sich regelmäßig zum Schreiben zurückzieht. Dort erlebt Kafka im von Hunger, Kälte und Kohleknappheit geprägten Kriegswinter 1916/17 eine produktive Phase, in der unter anderem die Erzählung Eine kaiserliche Botschaft entsteht. Der Verleger Kurt Wolff bittet ihn am 3. Juli 1917, dem Verlag seine „neuen Arbeiten in einer Maschinenabschrift [zu] schicken“. Dieser Bitte kommt Kafka vier Tage später nach und sendet Wolff „dreizehn Prosastücke“, darunter Eine kaiserliche Botschaft. Das von Kafka selbst angefertigte Typoskript enthält auf der Rückseite einen eigenhändigen Titelzusatz. Die Erzählung wird im September 1919 zuerst in der von Kafkas Freund Felix Weltsch herausgegebenen zionistischen Wochenschrift Selbstwehr veröffentlicht, bevor sie im Mai 1920 im Band Ein Landarzt. Kleine Erzählungen erscheint.

 
 
Kafka denkt übers Briefeschreiben nach

Kafka denkt übers Briefeschreiben nach

Briefe nehmen einen wichtigen Platz in Kafkas Leben ein. Die Kritische Ausgabe seiner Werke versammelt 1.717 Briefe Kafkas aus den Jahren 1900 bis 1924; die Dunkelziffer der verlorenen Briefe dürfte hoch sein. Kafka braucht Briefe, webt und lebt in ihnen Beziehungen, entwirft sich darin selbst, spannt poetische Horizonte auf, reflektiert Möglichkeiten und Probleme des Schreibens im Allgemeinen und des Briefschreibens im Besonderen. In Briefen schreibt er über die „Lust an Briefen“, darüber, dass man sie „trinkt“, und dennoch erklärt er Briefen in Briefen immer wieder auch sein Misstrauen. „Sie wissen ja, wie ich Briefe hasse“, schreibt er Ende März 1922 an seine Geliebte Milena Jesenská, mit der er von April bis November 1920 eine intensive Briefbeziehung unterhält. „Alles Unglück meines Lebens […] kommt, wenn man will, von Briefen oder von der Möglichkeit des Briefeschreibens her. Menschen haben mich kaum jemals betrogen, aber Briefe immer und zwar auch hier nicht fremde, sondern meine eigenen. […] Die leichte Möglichkeit des Briefeschreibens muss – bloss teoretisch angesehn – eine schreckliche Zerrüttung der Seelen in die Welt gebracht haben. Es ist ja ein Verkehr mit Gespenstern undzwar nicht nur mit dem Gespenst des Adressaten, sondern auch mit dem eigenen Gespenst […].“

Kafka schreibt den Brief an den Vater (1919)

Kafka schreibt den "Brief an den Vater" (1919)

Als Antwort auf die „letzthin“ von seinem Vater geäußerte Frage, „warum ich behaupte, ich hätte Furcht vor Dir“, schreibt Kafka zwischen dem 4. und 20. November 1919 im Erholungsort Schelesen den längsten Brief seines Lebens. Der sorgfältig und mit minimalen Korrekturen niedergeschriebene Brief an den Vater umfasst 103 Seiten. Er wird Hermann Kafka niemals erreichen. Welche Bedeutung der „Riesenbrief“, der heute zu den bekanntesten Werken der Weltliteratur zählt, für Kafka hat, lässt sich u. a. an wiederholten Erwähnungen in Briefen an Milena Jesenská erkennen. An sie ist auch die nachträgliche Einfügung auf Seite 2 gerichtet. Mit Bleistift schreibt Kafka zwischen die mit schwarzer Tinte verfassten Zeilen an den Vater: „ich wollte solche Erklärungen schreiben, Milena, aber ich bringe es nicht über mich den Brief daraufhin noch einmal zu lesen“.

Kafka macht seine Schwester zur Verbündeten

Kafka macht seine Schwester zur Verbündeten

Kafkas Briefe an seine Schwester Ottla sind Echoräume seines Lebens und Schreibens. Der lebenslangen Verbündeten vertraut er Persönliches und Familiäres an. Sie weiß bereits Anfang November 1919 vom Brief an den Vater. Bereits in Schelesen, bringt Kafka Bedenken gegen einen möglichen Besuch Oskar Baums in dem Kurort vor, würde er doch dann „den noch kaum angefangenen Brief an den Vater nicht fertig bringen“. Einen Besuch der Schwester dagegen begrüßt er. Wenige Tage später schreibt er ihr: „[V]or lauter Bedenken wegen Oskars Reise habe ich das allerdings Selbstverständliche vergessen, dass Du, abgesehen davon, wie Du Dich wegen Oskar entscheidest, wenn Du Lust hast jedenfalls herkommen sollst, schon um den (vorläufig fast nur in meinem Kopf lebenden) Brief zu beurteilen.“ Vom 15. bis zum 16. November besucht Ottla Kafka ihren Bruder in Schelesen und liest vermutlich seinen langen Brief an Hermann Kafka.

Kafka lehnt die Kürzung der "Verwandlung" ab

„Weine, Liebste, weine, jetzt ist die Zeit des Weinens da! Der Held meiner kleinen Geschichte ist vor einer Weile gestorben. Wenn es Dich tröstet, so erfahre, dass er genug friedlich und mit allen ausgesöhnt gestorben ist.“ So kündigt Kafka Felice Bauer in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember 1912 den bevorstehenden Abschluss der erst zweieinhalb Wochen zuvor begonnenen Erzählung Die Verwandlung an. Die Publikation der in so kurzer Zeit entstandenen Erzählung lässt allerdings noch etwas auf sich warten. Zwar schreibt der Verleger Kurt Wolff Kafka am 20. März 1913, dass er „‚Die Wanze‘ −?“, von der Franz Werfel ihm erzählt habe, „gern kennen lernen möchte“, doch Kafka vertröstet den Verleger, es ist noch keine Reinschrift angefertigt. Diese liegt erst Anfang 1914 vor, nachdem Kafka den nach einer erneuten Lektüre im Oktober 1913 für „schlecht“ befundenen Text noch einmal korrigiert hat. Allerdings schickt er das 77 Schreibmaschinenseiten umfassende Prosawerk nun nicht Kurt Wolff, sondern Franz Blei, dem Redakteur der neuen Monatsschrift Die Weißen Blätter. Doch dieser zögert aufgrund der Länge, ‚leiht‘ das Typoskript Ende Februar Robert Musil, der seinerseits Kafka als Autor für Die neue Rundschau gewinnen möchte. Auch hier zerschlagen sich allerdings die Aussichten auf Publikation, als Kafka in diesem Brief vom Juli 1914 die verlangte Kürzung der „Geschichte um 1/3“ ablehnt.

Kafka bemüht sich um die Veröffentlichung der "Verwandlung"

Im Frühjahr 1915 versucht Kafka erneut, die Verwandlung „in die Weißen Blätter zu bringen“, für die seit Januar 1915 nicht mehr Robert Musil, sondern René Schickele als Redakteur und Herausgeber verantwortlich ist. Dessen offenbar ebenfalls hinsichtlich der Länge geäußerten Bedenken entgegnet Kafka am 7. April 1915, er werde die Erzählung „nicht freiwillig zurückziehe[n]“, weil ihm „an ihrer Veröffentlichung besonders gelegen“ sei. Die Verwandlung erscheint schließlich im Oktoberheft 1915.

Der Kurt Wolff Verlag berechnet den Absatz von Kafkas Büchern

Der Kurt Wolff Verlag berechnet den Absatz von Kafkas Büchern

„Was willst Du also tun? Von Prag weggehn.“ Am Ende eines am 9. März 1914 in seinem Tagebuch mit sich selbst geführten Gesprächs zeigt sich Kafka entschlossen, Prag zu verlassen und „nach Berlin“ zu gehen „wo die meisten Möglichkeiten sind, sich zu erhalten. Dort kann ich auch im Journalismus meine schriftstellerischen Fähigkeiten am besten und unmittelbarsten ausnutzen und einen mir halbwegs entsprechenden Gelderwerb finden.“ Er hofft, „aus dieser selbstständigen und freien Lage, in der ich in Berlin sein werde, (sei sie im übrigen auch noch so elend) das einzige Glücksgefühl“ zu ziehen, „dessen ich jetzt noch fähig bin.“ Obwohl der Aufbruch nach Berlin nahezu beschlossen klingt, bleibt Kafka in Prag, bleibt Versicherungsjurist. Eine Abrechnung des Kurt Wolff Verlags zeigt, dass noch 1919/20 der Verdienst aus seiner schriftstellerischen Tätigkeit mit 765,23 Mark (etwa 995 Euro im Jahr 2025) weit unter seinem beruflichen Gehalt liegt. Als Sekretär bezieht Kafka nach einer Gehaltserhöhung ab dem 1. März 1920 4.900 Kronen Gehalt, 1.600 Kronen Wohngeld und 1.625 Kronen Teuerungszulage, also rund 8.000 Kronen monatlich (etwa 2.080 Euro im Jahr 2025).

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