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Kafka, lernend und lesend

Im September 1889 wird Franz Kafka eingeschult, besucht zunächst vier Jahre lang die ‚Deutsche Volks- und Bürgerschule in Prag I‘, von September 1893 bis Juli 1901 dann das ‚K. k. Staats-Gymnasium mit deutscher Unterrichtssprache in Prag-Altstadt‘. In der Volksschule gehört er zu den Vorzugsschülern, doch mit der Pubertät fallen seine Noten auf dem Gymnasium ab – auch im „sittlichen Betragen“. Bereits während seiner Schulzeit wird Kafka ein gieriger Leser. Seine Lektüren sind in Tagebüchern, Briefen und Erinnerungen zahlreich dokumentiert. Man begegnet dort einem produktiven und emphatischen Leser, der sein oftmals starkes Urteil einigermaßen unabhängig vom bildungsbürgerlichen Kanon seiner Zeit, manches Mal sogar gegen diesen bildet. In jedem Fall muss Kafka als lesender Autor verstanden werden, dessen Lektüren ihren Niederschlag auch im eigenen Schreiben finden.

Kafka besucht das Prager Altstädter Gymnasium

Kafka besucht das Prager Altstädter Gymnasium

Im Jahresbericht des Prager Altstädter Gymnasiums von 1894/95 wird Franz Kafka oben auf Seite 79 erwähnt. Damals steht er noch am Anfang seiner Schullaufbahn. Seinen Status als Musterschüler verliert er allerdings bald: „Mich interessierte der Unterricht – und nicht nur der Unterricht, sondern alles ringsherum in diesem entscheidenden Alter – etwa so wie einen Bankdefraudanten, der noch in Stellung ist und vor der Entdeckung zittert, das kleine laufende Bankgeschäft interessiert“, schreibt Kafka im Brief an den Vater.

Kafka besteht die Matura

Prüfungsängste begleiten Kafka während der gesamten Schulzeit. Bis zur Matura sei er „wirklich zum Teil nur durch Schwindel“ gekommen. Der Schwindel, den Kafka 1919 im Brief an den Vater gesteht, besteht im Diebstahl eines Notizbuchs seines Griechischlehrers Lindner, das die Schüler benötigen, um sich für die Matura-Prüfung vorzubereiten. Als Kafka 1901 das Abitur macht, ist er mit gerade einmal 18 Jahren der jüngste von 24 Schülern seines Jahrgangs. Er erhält sechsmal befriedigend, sechsmal lobenswert, ist in Griechisch besser als in Latein, in Deutsch schlechter als in Tschechisch. Thema im Deutsch-Abitur ist die Frage: „Welche Vorteile erwachsen Österreich aus seiner Weltlage und seinen Bodenverhältnissen?“

Kafkas liest Náš Skautík

Kafkas Jugendlektüren begleiten ihn bis weit ins Erwachsenenleben. Noch 1921 vertraut er seinem Tagebuch an: „Wieder über Naš Skautík gesessen“. Dieses schmale Heftchen, zu Deutsch ‚Unser Pfadfinder‘, hinterlässt einen bleibenden Eindruck, was schon durch das „Wieder“ im Tagebucheintrag ausgedrückt ist. Zwei Monate zuvor hatte Kafka bereits an seinen Freund Robert Klopstock geschrieben: „Ich denke ja bei dem Ganzen [gemeint ist das Unterfangen der gemeinsamen Freundin Irene Bugsch, sich an der Dresdner Kunstakademie zu bewerben] sehr an mich, es ist so, wenn ich etwa heute meinem Traum nachgeben und mich bei einer Skautstruppe zehnjähriger Jungen anmelden wollte.“

Kafka liest Oskar Webers "Der Zuckerbaron"

„Für Knaben sind […] die grünen Bücher von Schaffstein, meine Lieblingsbücher, das Beste“, schreibt Kafka am 31. Oktober 1916 an Felice Bauer. Seine Verlobte arbeitet auf seine Empfehlung hin ehrenamtlich in der sozialpolitischen Initiative Jüdisches Volksheim mit und baut dort mit Unterstützung Kafkas die Bibliothek aus. Unter den von ihm geliebten grünen Bändchen ist auch Der Zuckerbaron von Oskar Weber. Die darin geschilderten Schicksale eines ehemaligen Offiziers in Südamerika gehen Kafka so nah, als handelten sie von ihm.

Kafka lektoriert Felix Weltschs Gnade und Freiheit

Kafka lektoriert Felix Weltschs "Gnade und Freiheit"

„Diesmal war es sehr wissenschaftlich“, schreibt Kafka an seinen Freund Felix Weltsch, nachdem er im Winter 1919/20 die Druckfahnen zu dessen neuem Buch Gnade und Freiheit gelesen hat. Wie sehr ihn das Problem des schöpferischen Willens in Religion und Ethik interessiert, belegt seine zehn Seiten umfassende Liste mit Fragen und Korrekturvorschlagen. Weltsch, der die zionistische Wochenzeitschrift Selbstwehr herausgibt, betrachtet das Christentum als Religion der Gnade, das Judentum als Religion der Freiheit. Kafka stimmt ihm zu: „Als Erbauungsbuch – und das ist es ja viel mehr als ich dachte – bedeutet es mir viel und wird mir viel bedeuten.“

Kafka notiert die Psalmen 91 und 135

In einer Mischung aus deutscher Schrift und Stenografie notiert Kafka die Psalmen 91 und 135. Vermutlich stammt der kleine Zettel aus Kafkas Schulzeit, während der er auch Stenografie lernte. Die „mosaische Religionslehre“ wurde ihm auf Deutsch vermittelt. Ein direkter Kontakt des jungen Kafka mit dem biblischen Hebräisch lässt sich nur anlässlich seiner Bar Mitzwa 1896 nachweisen. Diese wurde in der Kultur der Assimilation, in der Kafka aufwuchs, als ‚Confirmation‘ angekündigt. Im Brief an den Vater wirft Kafka Hermann Kafka ein „Nichts von Judentum“ vor. Erst ab 1917 beginnt er, Hebräisch zu lernen. Doch ist es das Neu-Hebräische, die Sprache also, die eng mit dem zionistischen Projekt verbunden ist und zu dem sich Kafka, auch vermittelt durch seine zionistischen Freunde Max Brod und Felix Weltsch, hingezogen fühlt. Zeitweise trägt er sich mit Auswanderungsgedanken ins damalige Palästina.

 
 

Kafka liest Elias Auerbachs "Palaestina als Judenland"

Kafka bewegt sich in stark zionistisch geprägten Kreisen. Seine engen Freunde Max Brod und Felix Weltsch sind Verfechter der Idee jüdischer nationaler wie kultureller Souveränität und gehören der jüdisch-zionistischen Studentenverbindung Bar Kochba an. Dass Elias Auerbachs Bericht aus Palästina, wo Auerbach seit 1909 als Arzt tätig war, Kafkas Aufmerksamkeit erregt, überrascht daher nicht. Kafka selbst trägt sich ab 1917 mit der Idee, nach Eretz Israel auszuwandern. Ob man ihn allerdings als Zionisten bezeichnen kann, bleibt umstritten, weder gibt es ein Bekenntnis noch eine explizite Absage an das Projekt.

Kafka liest Hans Kralls "Denkende Tiere"

Felix Weltsch bespricht Hans Kralls Denkende Tiere 1913 im Prager Tagblatt, Kafka selbst schreibt 1914/15 in einem Notizheft ein Prosafragment über die Pferde von Elberfeld nieder, also eben jene im Titel genannten Tiere, die rechnen und lesen können (sollen). Vermutlich diente Kralls Text als Anregung für die vielen denkenden Tiere (Affen, Mäuse, Hunde) oder tierähnlichen Wesen in Kafkas Werk.

Kafka liest Arthur Holitschers "Amerika heute und morgen"

„Als der siebzehnjährige Karl Roßmann […] in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von Newyork einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte.“ Kafka las viele der Reiseberichte Arthur Holitschers, wie er noch 1924 an seinen Arzt und Freund Robert Klopstock schreibt. Die Lektüre der amerikanischen Reiseerlebnisse beeinflusste die Arbeit am Verschollenen stark. Die Fackel der Freiheitsstatue wird von Kafka allerdings in ein Schwert verwandelt.

Kafka liest Octave Mirbeaus "Der Garten der Qualen"

Die erste Auflage des sado-masochistischen und pornographischen Romans Der Garten der Qualen von Octave Mirbeau fällt 1901 zu Teilen der Zensur zum Opfer und ist heute verschollen. Zwar kann nicht direkt nachgewiesen werden, dass Kafka dieses Werk besessen hat. Jedoch haben 1957 zuerst W. Burns und dann 1975 Hartmut Binder anhand vieler Details nachgewiesen, dass Kafkas Erzählung In der Strafkolonie Mirbeaus Buch viel verdankt.

Kafka ernährt sich nach Carlotto Schulz’ "Kleinem vegetarischen Kochbuch für Junggesellen und andere einzelstehende Personen"

Als Franz Kafka 1911 in Erlenbach zur Kur ist, wird ihm ein Kleines Vegetarisches Kochbuch für Junggesellen empfohlen. Auf die richtige, das heißt vegetarische Ernährung legt er zeitlebens großen Wert. Dass nun aber gerade ein Kochbuch für Junggesellen unter seinen Lektüren ist, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Kafka hat viel über sein Junggesellendasein als Bedingung seiner Kreativität nachgedacht und damit gehadert.

Kafka turnt nach J. P. Müllers "Mein System. 15 Minuten täglicher Arbeit für die Gesundheit"

Jørgen Peter Müller, bekannt für seinen durchtrainierten Körper, propagierte mit großem Erfolg ein tägliches Gymnastikprogramm, das auch Kafka anwendet. Er hält über Jahre an den morgendlichen Übungen fest und sei, wie er Max Brod brieflich mitteilt, ein durch „Müllern“ stark gewordener Mensch.

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