Salzburg

Eine Türschwelle wird zum Träger von Text:
„Wenn Träume klingen, schlafen die Ohren.“
Margret Kreidl


Vor dem St. Peter Stiftkulinarium (siehe Schild „seit 803“) …

… betritt man den handschriftlich auf Wänden und Decke beschrifteten Durchgang zum Restaurant. Ein Zwischenraum öffnet sich. Die Schrift bricht die Schwere des historischen Gebäudes. Man geht nicht an Texten vorbei, sondern durch sie hindurch. Aus dem „Gehen und Vorübergehen“ wird ein „Hindurchgehen“. Der Text verändert das Tempo.

Die Geschichte des Tuchs in Reimen
Material:
Holz, Schrift, Fassade, Architektur
Ort:
Modehaus Hämmerle, Rathausplatz 2, Ecke Getreidegasse, Salzburg.
Über dieses Eckhaus zieht sich ein gereimter Schrift- und Bildfries. In handwerklich gefertigten Holzreliefs erzählt er die Geschichte des Tuchs in Versen: von der Wolle über das Spinnen bis zum Verkauf. Die Hauswand wird zur lesbaren Erzählung. Bild, Reim und Handwerk verbinden sich zu einer Geschichte des Tuchs.

Text wird zu Textil.
Zitate von Friedrich Nietzsche und Heiner Müller erscheinen auf Kleidern im Schaufenster eines Geschäfts, das Designerkleidung verkauft und zugleich Kunst ausstellt. Es entsteht ein neuer Raum zwischen Mode, Kunst und Literatur.
Der ungewohnte Anblick lässt Passantinnen und Passanten innehalten.

Das Schaufenster trennt nicht nur innen und außen, es verbindet. Das Zitat von Elke Laznia
„in dieser flüssigen Geschichte ist die Nacht aus Glas“
steht buchstäblich auf Glas. Davor stehen Mülltonnen. Literatur und Alltag begegnen sich unmittelbar. Das Poetische behauptet sich mitten im Gewöhnlichen.
Das spiegelverkehrte Zitat von Meta Merz
„eine stadt wie salzburg sollte man beim untergang der sonne allmählich aufrollen.“
verlangsamt das Lesen. Die Scheibe wird zu einem Medium zwischen Innen und Außen, zwischen Bild und Text.

Rechts der Salzach, in der Linzer Gasse, ist Georg Trakls Gedicht Im Dunkel an der Fassade der ehemaligen Engel-Apotheke angebracht. Hier absolvierte Trakl sein Apothekenpraktikum. Das Gedicht begegnet uns an einem Ort seiner Biografie statt auf einer Buchseite. Im Dunkel gehört zu einer Reihe von Trakl-Gedichttafeln, die seit 1985 an biografisch und poetisch bedeutsamen Orten in Salzburg angebracht wurden: https://wiki.sn.at/wiki/Gedenktafeln_für_Georg_Trakl
Eine weitere Tafel mit dem Gedicht Am Mönchsberg befindet sich auf der linken Salzachseite:
„Am Mönchsberg“ von Georg Trakl – SALZBURGWIKI
Die Trakl-Tafeln bilden ein literarisches Netz über die Stadt und verbinden die beiden Seiten der Salzach miteinander.

„die Tage werden jetzt anders geschrieben auf der Landkarte der Zeit“
Elke Laznia.
Viele Ebenen überlagern sich und fügen sich zu einem Bild wie zu einer Buchseite: das Zitat von Laznia, Bücherregale und Bücherstapel. Schauspieler treten aus dem Plakat von Der Menschenfeind heraus und betreten schwebend die Bühne. Häuserfassaden spiegeln sich und dienen als Hintergrund für das Laznia-Zitat. Die Fotografin tritt als Lesende ebenfalls ins Bild und somit in den Text. Ein Passant geht aus dem Bild hinaus.
Nichts davon war geplant.
Erst im Nachhinein erkennt die Fotografin, wie sich hier Literatur, Bücherladen, Theater, Stadt, Architektur, Fotografie, Passanten, Spiegelung und Wahrnehmung miteinander verschränken. Der Text entsteht im Zusammenspiel von Licht, Glas, Reflexion und zufälliger Begegnung. Während das in Stein gemeißelte Gedicht der Zeit trotzt und unverrückbar bleibt, verändert sich dieses Bild mit jedem Augenblick und mit jeder neuen Perspektive.
Das letzte Beispiel eröffnet wieder einen eigenen Zwischenraum:

Foot Locker – Das Leben gleicht dem Kartenspiele
Ort:
Denkstein-Haus, Salzburg
Über dem heutigen Foot-Locker-Geschäft zieht sich ein gereimter Fassadentext mit kunstvollen Abbildungen von Spielkarten. Das Leben erscheint darin als Kartenspiel zwischen Glück, Zufall und Schicksal. Immer wieder erinnert der Sinnspruch an die Vergänglichkeit: Was heute als Glück empfunden wird, kann morgen bereits verschwunden sein. Die Verse bleiben sichtbar, obwohl sich die Nutzung des Hauses verändert hat. Vergangenheit und Gegenwart teilen sich dieselbe Wand.
Das Haus zeigt Veränderung.
Der Text bleibt.
Infos und gesamter Text des Sinnspruchs in Versen
Hier endet die Salzburger Stadttextur.
Im folgenden Literatursehen an anderen Orten:
Titel: Mother's Day Poetry Project. Beschreibung: „Washing My Mother's Feet“ (Das Waschen der Füße meiner Mutter) der US-amerikanischen Dichterin Connemara WadsworthTitel:Poesiomat Beschreibung: Lyrik und mehr zum Hören am Heidelberger Iqbal-Ufer Link: https://www.heidelberg.de/HD/Leben/poesiomat.html Titel: mycottageofcontent Beschreibung: Das Foto der Inschrift am Eingang eines Gartens kommt in die sozialen Medien. Es öffnet sich eine Tür zu einem neuen Raum mit der Möglichkeit öffentlich kommentiert zu werden. Link: mycottageofcontent.blogspot.com (wurde entfernt)
Titel: Droste-Landschaft: Lyrikweg Beschreibung: Wanderweg und Literaturpfad zwischen Burg Hülshoff und Haus Rüschhaus. Link: https://www.droste-portal.lwl.org/de/droste-forschungsstelle/aktuelle-projekte/droste-landschaft-lyrikweg/

Titel: Georgia Poetry in the Parks
Beschreibung: Projekt in Georgia, USA: „Georgia Poetry in the Parks places poems by contemporary Georgia writers along park trails to encourage individuals and families exploring Georgia’s green spaces to stop and reflect on their environment and the power of language.“
Link: https://georgiapoetryintheparks.org/

Titel, Beschreibung: Urheber unbekannt.
Es sieht aus wie ein mobiles Schild. Kann Passanten zum Nachdenken anregen.

Titel: Lyrik lebt
Beschreibung: Lyrik auf Wäscheleine; Lyrik zum Abhängen; ich könnte im Vorbeigehen einfach die Wäscheklammern abmachen und Lyrik mitnehmen. Lyrik lebt e.V. in Osterode. Veranstaltungen (auch überregional).
Link: https://www.lyrik-lebt.de/

Titel: Queensland Poetry Festival
Beschreibung: Valley Mall, Fortitude Valley, Festival 2019 in Australien
Link: https://scenestr.com.au/arts/queensland-poetry-festival-2019-overview-review-20190830

Titel: from „Secrets“ by Anthony S. Abbott
Beschreibung: Tryon Street Newsracks. Collaboration with Charlotte Center City Partners highlighting
poet/educators.
Link: http://www.wallpoems.com/3-tryon-street-newsracks-3-poems.html

Titel: „The Commons“ by Gretta Louw
Beschreibung: Teil der poetischen und provozierenden Kampagne:
„The Commons is a poetic and provocative campaign in public spaces encouraging reflection on the nature of shared spaces, site-specific and evolving over time.“
Link: https://grettalouw.com/works/the-commons.php


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