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Tonlos

Textstellenprovokation
Die Provokation von leeren Textstellen, die unbeantwortete Fragen beinhalten, wird in Bezug auf Kafkas Urteil deutlich. Paradoxien und Gegensätze treten nicht uneingeschränkt auf; sie werden durch Passagen mit Rationalem und Logischem sogar noch verstärkt. Verwirrung wird provoziert, die es zu entwirren und gründlich zu erforschen gilt. Der von Iser betitelte „Spielraum der Aktualisierungen“ bietet in der rezeptionsästhetischen Auffassung Raum für vorsichtige Ermittlungen, die neben literarhistorischen und autobiographischen Kontexten auftreten.
Gerade im Urteil werden Informationsdefizite, gepaart mit Paradoxien, und damit bewusste Leerstellen gestreut. In der Forschungsliteratur wurden diese „Lücken zwischen den Gegensätzen und in der Kausalität der Handlung unterschiedlich aufgefüllt“[1]. Kafkas Texte sind reich an Ambiguität, Brüchen, Diskontinuitäten, Dissonanzen oder sogar Aporien. Gerade die Beziehung zwischen Georg Bendemann und dessen Vater nehmen viele der eben genannten Aspekte auf. Die Provokationen im Gesamtwerk Kafkas motivieren und fordern zur eigenen Interpretation des Lesenden auf, sodass der Text erneut lebendig wird und dadurch eine Aktualisierung erfährt. [1] Stefan Neuhaus, S. 93. In: Kafkas „Urteil“ und die Literaturtheorie. Zehn Modellanalysen. (165 / Simone Heiß)

Tonlos
Wer Angst hat, entdeckt zu werden, den darf man nicht hören. Alles also, was der, der da spricht, uns erzählt, ist tonlos. Geflüstert. Leise. Bedeckt. Tonlos. In die Stille hineingedacht – und in die Geräusche, die in dieser stillen Welt so unheimliche Ausmaße annehmen, dass wir nur auf einen Schrei warten. Was heißt: Wir hören nur noch, sind ganz Ohr. Bis zum Schluss: „– Aber alles blieb unverändert. – –“ (66 / Heike Gfrereis)

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