„Wir haben keinen festen Ort zum Lesen. Wir lesen in Parks, Freibäder, Cafes und Bars, in Gemeinschaftsgärten, beim Sonnen – auf und -untergang, beim Lagerfeuer, in der U-Bahn auf dem Weg nach Hause, im Zoo und im August bei Regen. Dann kann der Wind mitlesen und die Biene und der Bartender und die angetrunkenen zur Party Fahrenden und die übermüdeten nach Hause fahrenden, und der Elefant Peter und jeder. Wir lesen, wir träumen, wir nehmen den Ort mit. Baustellenlärm dröhnt. Eine Mücke versucht mich zu stechen. Vergeblich. Ein orangerotes Kastanienblatt fällt direkt in meinen Text hinein. Die Siebdruckmaschine macht psch psch. Die Tassen klacken. Die Menschen murmeln. Die Stimme des gerade Lesenden ist angenehm. Ich schweife ab. Ich denke an die Autorinnen und an die Orte, an denen sie schrieben. Waren es die klassischen Schreibtische? Oder mussten viele von ihnen ihre Texte versteckt schreiben? Zwischen all der Hausarbeit und Kinderbetreuung. Danke, dass ihr trotzdem geschrieben habt. Und jetzt treffen wir uns, um eure Texte zu lesen. Wenn wir uns nicht treffen würden, wäre es ein Ende.“ (Marina Mihalchuk über →Dreaming in Women).
„auf dem boden sitzen wie ein kind und ausschneiden zusammenkleben anordnen schreiben, vor allem schreiben und sagen, schreien, das was sonst nicht gehört werden will und sich jetzt gehör verschafft
es ist ein anschreiben gegen, writing back, eine notwendigkeit geboren aus stimmlosigkeit, überall da wo wort und druck sich treffen, in all den lücken ecken kanten der geschichte die nicht mitgeschrieben wurden
magazine aber ihnen den hochglanz austreiben, sorgfältiges sammeln von worten in kleinen schubladen wie herta müller, auftrennen sezieren jeden einzelnen wortkörper
neue seiten, blank, alle din-formate oder keins, falten, anordnen, kleben, drucken, kopieren, kopieren kopien umsonst oder getauscht oder dein lebensunterhalt
30er einschlag des kometen, von science fiction zum politikum, punk der 70er: zerrissenes nylon, stoff durchbrochen, mit leerstellen den körper drapiert
die räume überfüllt der körper nicht einzufangen also fließt er über papier
das feministische potenzial in der lücke(Carolina Graeff Martinez über → die Zain Fair in Heidelbergund → den Utopia-Kiosk Stuttgart)
„Wenn im Winter der Wind die Wolken wiegt, warten wandernde Welten in den Wänden des weißen Würfels auf wiederkehrende Weggefährten. Ein Würfel voller Wunder, wo Wirklichkeit und Vorstellungen wachen.
Wissen webt Welten. Wissbegierige wagen sich zwischen die Wälder des Wahnsinns. Wanderlust weilt in der Wärme des Würfels. Wind lose Weite, in der das Wissen wartet.
Hier weidet der Wunsch die Wirklichkeit wegzudenken und Teil der wunderhaften Welten zu werden. Sich in den Wälzern zu wälzen und Worte wirken zu lassen.
In der Stadtbibliothek Stuttgart wispert die Stille. Die Welt wird leise, wenn Worte wirken. Weit weg vom Welt Lärm wirken hier die Wunder der Wörter. Wir hören, was die Wände wissen. Wände weiß, Wörter wach.
Doch wütend werden die Wächter des Wissens, wenn Wesen wuselnd Werke verwüsten. Die Würde jedes Wortes wird hier wertgeschätzt. Wehmütig werden die Wächter, wenn es Zeit ist, für die Wandernden weiterzuwandern.
Wortwahl wird Weltwahl, wird Wagnis und bleibt Weg.“ („Wände voller Welten“, Ann-Kathrin Schweisthal über die Stadtbibliothek Stuttgart)„Hier wird Kindern und Jugendlichen die Freude an der Sprache und am Buch vermittelt, die bislang nur wenig Bezug dazu hatten. Hier wird vorgelesen, wo sonst geschwiegen wird. Hier wird Sprache laut, bevor sie verstanden wird. Hier entstehen Bilder und Welten in den Köpfen der aufmerksam Lauschenden. Hier werden Heranwachsende zum Lesen motiviert, ihre Lese- und Sprachkompetenz gefördert und das Zuhören gelernt. Hier hören kleine Ohren zu, während große Stimmen von Freundschaft und Abenteuern erzählen. Hier treffen ehrenamtliche Vorlesepatinnen und Paten auf Kinder und Jugendliche, um gemeinsam Türen zu anderen Welten zu öffnen, in eben jene Geschichten einzutauchen und Teil der erzählten Welt zu werden.“ (Lisa Hummel über → Leseohren e.V.)
„Wie vermisst man eine Literaturlandschaft?
Es geht so: Schritt für Schritt, bergauf, bergab, zu Fuß wie auf dem Rad, halt mich auf Trapp Schriftsteller*in. Hier ist die Stelle in deiner Schrift, ich folge ihr auf Schritt und Tritt, trete in deine dichtenden Stapfen, den Garten-, den Arbeits-, den Wanderweg nach, ich passiere den Kamm und es geht ab.
Man nimmt einen alten, altwürdigen Schreiber, es gibt Hauff, Heißenbüttel, Hölderlin, Hesse, Heuss und Hebel man wählt einen Rhythmus, eine Route, malt eine Karte, vor Ort stellt man Schilder auf und legt Karten aus: Bei der Eisdiele, den Büchern und auf dem Markt bei den Rüben. Dort heißt es dann, geht ihm nach und ihr werdet finden: Auszüge, Inspiration, Erbauung und eine Prise Kitsch. Das letzte ist unfreiwillige Beigabe, für die können wir nichts.
Flan ist ein Pudding, den isst man ganz gern, aber mit flanieren hat das nichts zu tun. Es hilft, wenn die Schrift einem davonrennen kann. Wenn die Stellenden Schritt mit der Schrift halten, entfalten sich auf dem Weg Welten.“
(Mirek Heißenbüttel über → das Stuttgarter Projekt Gedichte sichten)
→ DIY-Dokumentation zur Geschichte und Praxis des zine-making
→ kurzer Abriss zu life-writing
→ Zeitstrahl Entstehung der ersten Zines
→ zur Bedeutung des Risses/der Lücke in Punk-Ästhetik (GB 1970er): Suterwalla, Shehnaz: → Cut, Layer, Break, Fold. Fashioning Gendered Difference, 1970s to Present in: Women’s Studies Quarterly, Vol. 41, No. 1/2, The Feminist Press at the City University of New York, 2012.
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