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Poesie / Prosa

„Prosa“ ist die Göttin der leichten Geburt. Übertragen auf die Literatur bezeichnet ‚Prosa‘ die Rede, die geradeaus läuft und nicht – wie die Rede in Versen (nach dem lat. Wort für ‚Furche‘) – hin und her geht und eine Kurve nach der nächsten nimmt. Wie treffen im Archiv diese beiden Arten, zu sprechen und zu schreiben, aufeinander?

Nikolaus Lenaus Gedicht "Reiseempfindung" in einem Brief, den Karl Meyer im April 1832 aus Waiblingen an seinen Bruder Ludwig schickte

Lenaus Gedicht eröffnet den Brief als „herzlichen Gruß“: „Ich sah in bleicher Silbertracht / Die Birkenstämme prangen, / Als wäre dran aus heller Nacht / Das Mondlicht blieben hangen; // Und in dem zarten Birkenhain / Sah ich ein Häuschen blinken, / Das hob gleich an, zu sich hinein / Holdfreundlich mich zu winken. // […] // Wenn dann in rauher Winterzeit / Ein Lied mein Liebchen sänge / Und aller Himmel Seligkeit / Mir in die Stube dränge! – // Ich wagt es mich zu regen kaum / In meinem stillen Sinnen, / Besorgt, das Häuschen möcht, ein Traum, / Vor meinem Blick zerrinnen. // Doch, sieh, da öffnet sich die Tür, / Der Zauber war geschwunden, / Es trat ein Jägersmann herfür / Mit nachgesprengten Hunden. // Er grüßte mich mit raschem Blick / Und streift‘ waldein gar heiter; / Ich gab ihm seinen Gruß zurück, / Und traurig ging ich weiter.“

Karl Meyer schreibt in den Brief dann noch drei eigene Gedichte: „Bedauernis“, „Der alte Kirchhof“ und „Das protestantische Mädchen in der Predigt“ und am Ende dann noch einmal eines von Lenau, „Die Wurmlinger Kapelle“.  (Heike Gfrereis)

Annette von Droste-Hülshoff am 25. August 1845 an Levin Schücking (Arbeitsfoto)

Annette von Droste-Hülshoff schreibt ihren Brief um zwei Gedichte herum – „Das verlorene Paradies“ und „Gethsemane“: „Als noch das Paradies erschlossen war / Dem ersten sündelosen Menschenpaar, / Kein Gift die Viper kannte, keinen Dorn / Der Strauch, der Leu und Tiger keinen Zorn, / Noch fröhlich scholl der Nachtigallen Flöte; / Da schlief an jedem Abend Eva ein / An einem Rosenstrauche, und der Schein / Von ihrer unschuldsvollen Wangenröte / Spielt‘ lieblich um der Blume lichten Ball; / Denn damals waren weiß die Rosen all / Und dornenlos. – […] Und als am Morgen sie die Wimper hob / Und zuckend von der Brust die Zweige schob, / Da war all ihrer Wangen lichter Schein / Gezogen in der Blumen Rund hinein, / In glüher Sehnsucht alle aufgegangen, / Zum Kusse öffnend all den üpp’gen Mund; / Und Eva kniete weinend, ihre Wangen / Entfärbt und ihre Brust von Dornen wund.“ (Heike Gfrereis)

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