Menü
schließen
13

Balance

Schillers Texte loten Extreme aus. Sie sind, wie Brigitte Kronauer in ihrer Schillerrede 2010 formulierte, eine „Raumvermessung in federnden Sprüngen vom einen zum anderen Ufer“.

Die Dinge in Schillers Nachlass machen deutlich, wie sehr der studierte Mediziner Schiller bei dieser Raumvermessung an den ganzen Menschen dachte: an Kopf und Fuß, Außen und Innen, Herz und Nieren, Ernst und Spiel.

Foto: DLA Marbach

x

Für „Die Räuber“ wählte Schiller als Motto ein Zitat des Arztes Hippokrates: „Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat, / quod ferrum non sanat, ignis sanat“ („Was die Medizin nicht heilt, das heilt das Eisen, / Was das Eisen nicht heilt, das heilt das Feuer“). Hier die Erstausgabe der „Räuber“, 1781.

 

Foto: DLA Marbach

Das einzige erhaltene Rezept, das der Arzt Schiller ausgestellt hat

 

Drei Gran Brechweinstein zu lösen in vier Unzen heißem Wasser, davon sogleich die Hälfte nehmen. Ein (zu) hoch dosiertes Brechmittel! 

Über sich selbst als den Verfasser der „Räuber“ schrieb Schiller anonym: „Er soll ein Arzt bei einem Wirtembergischen Grenadier-Bataillon sein: So gewiß ich sein Werk verstehe, so muß er starke Dosen in Emeticis [Brechreiz Erregendem] eben so lieben als in Aestheticis, und ich möchte ihm lieber zehen Pferde als meine Frau zur Kur übergegeben“.

Die für die Geschichte der Tragödie zentrale Vorstellung der Katharsis, der emotionalen, körperlichen und geistigen Reinigung des Zuschauers, der den auf der Bühne dargestellten Jammer und Schauder mit durchlebt, war für den Dramatiker und Arzt Schiller eine buchstäbliche und leibliche Erkenntnis.

Auch Schwester, Frau und Freunden riet Schiller immer wieder zu Reinigungskuren: „Nimm zu weilen eine Porzion Salpeter mit Weinstein, und trink auf das Frühjahr die Molken“ [an Christophine Schiller, 1.1.1784] und: „ich hatte Lust, der Minna die Klystiermaschine nach Meissen entgegenzuschiken, weil ich sie nach der Zerbsterreise für ein nothwendiges Moeuble halte, aber ich besorge daß man sie auf der Briefpost nicht annimmt“ [an Christian Gottfried Körner, 24.4.1786].

Foto: DLA Marbach

x

Seite mit Terpsichore, der Muse des Tanzes:

Foto: DLA Marbach

x

Einer von Schillers Schlafrockknöpfen mit Hygieia, der antiken Göttin der Medizin:

Foto: DLA Marbach

 

Schillers Zahnstocherbehälter mit einem Gänsekiel-Zahnstocher

 

Schiller scheint eine große Freude daran gehabt zu haben, Zusammenhänge zwischen alltäglichen Dingen und antiken Welten herzustellen.

Auf seine Schlafrockknöpfe hat die Schwägerin seines Freundes Christian Gottfried Körner, Dora Stock, unter anderem eine weibliche Figur mit Schlange gemalt: Hygieia, die Göttin der Medizin. Das Symbol der Heilkunst sollte jenes Kleidungsstück zieren, das dem 18. Jahrhundert als Garderobe des aufgeklärten, gesellschaftlich ungebundenen Künstlers schlechthin galt – den Hausrock.

Das Zahnstocher-Etui hat Dora Stock ebenfalls bemalt. Dieses Mal mit den ,leichten‘ Musen: Erato,  die Muse der Liebeslyrik, und Terpsichore, die Muse des Tanzes.

Die poetischen Gestalten verkleiden und unterstützen die Regeneration des Körpers und eröffnen Schiller auch im Alltag einen alternativen Denkraum zur Wirklichkeit.

Foto: DLA Marbach

Schillers Exemplar von Immanuel Kants „Critic der Urtheilskraft" (1790/91, Berlin: Libau)

 

Schiller las im Februar 1791 (ein Jahr nach deren Erscheinen) und im Herbst 1792 intensiv Kants „Kritik der Urteilskraft“, markierte Stellen mit Bleistift und Tinte, ergänzte Seitenverweise und schrieb für ihn wichtige Leitbegriffe an den Rand. Das Wort „Spiel“ strich er auf dieser Seite an und damit das Wort, das für ihn so wichtig werden sollte.

Ein Spiel besteht aus mehr als nur beschreibbaren Regeln und einer bestimmten Form. Es setzt voraus, dass wir uns darauf einlassen, auf Zeit eine bestimmte Haltung oder Rolle einnehmen und als ganzer Mensch dabei sind, mit Kopf und Körper. „Veränderung u. Bewegung“ schrieb Schiller auf dieser Seite extra noch an den Rand.

Kant lieferte Schiller mit diesem Begriff das Denkmotiv, mit dem er medizinische, poetische und philosophische Dimensionen miteinander verbinden und vor allem auch alle Definitionen erweitern konnte, die Schönheit nur äußerlich und normativ zu bestimmen versuchten. „Spiel“ öffnet für ihn den Blick auf das Wirkungsspektrum der Schönheit (wohl in der Kunst wie in der Natur) und stellt den, der spielt, ins Zentrum, also jede:n einzelne:n von uns.

Für Schiller gleicht der Zustand des Spielenden dem „ästhetischen Zustand“, in den uns die Erfahrung des Schönen der Natur oder der Kunst versetzt. Dieser ästhetische Zustand ist einer der Balance von Körper und Geist, Natur und Kunst, gerade weil er mit Bewegung verbunden ist und sich außerhalb der Wirklichkeit und moralischer Kategorien ereignet.

1793 erschien Schillers Über Anmut und Würde, eine der Folgen seiner Kant-Lektüre.

 

 

Fotomontage: DLA Marbach

Wasserzeichen eines Briefes an Christian Gottfried Körner vom 25. Dezember 1788

 

Schiller wählte für einige seiner Briefe, in denen er dem Freund Christian Gottfried Körner seine Ästhetik ausführte, von Wasserzeichen geradezu durchzogene Papiere. Dieses hier ist außen von einer geschwungenen Linie gefasst, im Inneren mit einem Musikanten verziert, der seinen Bären mit der Flöte bändigt. Der Mensch besänftigt mit Hilfe der Musik das wilde Tier.

Darauf schrieb Schiller seine ersten kunstphilosophischen Überlegungen: „Der Künstler und dann vorzüglich der Dichter behandelt niemals das wirkliche sondern immer nur das idealische oder das kunstmäßig ausgewählte aus einem wirklichen Gegenstand. […] Wenn ich aus den Gebrechen der Religion oder der Moral ein schönes übereinstimmendes Ganze zusammenstelle, so ist mein Kunstwerk gut, und es ist auch nicht unmoralisch oder gottlos, eben weil ich beyde Gegenstände nicht nahm, wie sie sind, sondern erst wie sie nach einer gewaltsamen Operation, d. i. nach Absonderung und neuer Zusammenfügung wurden.“ (zum ganzen Brief)

Das weiße Blatt mit seinen Wasserzeichen scheint Abstraktionshilfe, Ideenfindungsassistenz, Idealisierungserleichterung, Belegstück und Gleichgewichtsübung.

Foto: DLA Marbach

x

(Schlangen)Linien finden sich auf auf dem Geodreieck und der Schreibmappe, die von Schiller überliefert sind, sowie auf Materialien aus der historischen Glockengießerei in Laucha, die er sich für die Arbeit an seinem Gedicht „Die Glocke“ besorgte:

Fotos: DLA Marbach

Arbeitsfoto: DLA Marbach

 

x

[…]

Gut ist eine Lehrart, wo man vom Bekannten zum Unbekannten fortschreitet; schön ist sie, wenn sie sokratisch ist, d. i. wenn sie dieselben Wahrheiten aus dem Kopf und Herzen des Zuhörers herausfragt. Bey der ersten werden dem Verstand seine Überzeugungen in forma abgefodert, bey der zweyten werden sie ihm abgelockt.

Warum wir die Schlangenlinie für die schönste gehalten? Ich habe an dieser einfachsten aller ästhetischen Aufgaben meine Theorie besonders geprüft, und ich halte diese Probe darum für entscheidend, weil bei dieser einfachen Aufgabe keine Täuschung durch Nebenursachen statt finden kann.

Eine Schlangenlinie, kann der Baumgartenianer sagen, ist darum die schönste, weil sie sinnlich vollkommen ist. Es ist eine Linie, die ihre Richtung immer abändert (Mannichfaltigkeit) und immer wieder zu derselben Richtung zurückkehrt (Einheit). Wäre sie aber aus keinem beßern Grunde schön, so müßte es folgende Linie auch sein:

[ Zeichnung]

welche gewiß nicht schön ist, Auch hier ist Veränderung der Richtung; ein Mannichfaltiges, nehmlich a, b, c, d, e, f g, h, i; und Einheit der Richtung ist auch da, welche der Verstand hineindenkt, und die durch die Linie k, l vorgestellt ist. Diese Linie ist nicht schön, ob sie gleich sinnlich vollkommen ist.

Folgende Linie aber ist eine schöne Linie, oder könnte es doch sein, wenn meine Feder beßer wäre.

[ Zeichnung]

Nun ist der ganze Unterschied zwischen dieser zweyten und jener bloß der daß jene ihre Richtung ex abrupto, diese aber unmerklich verändert; der Unterschied ihrer Wirkungen auf das ästhetische Gefühl muß also in diesem einzig bemerkbaren Unterschied ihrer Eigenschaften gegründet seyn. Was ist aber eine plözlich veränderte Richtung anders, als eine gewaltsam veränderte? Die Natur liebt keinen Sprung. Sehen wir sie einen thun, so zeigt es, daß ihr Gewalt geschehen ist. Freiwillig hingegen erscheint nur diejenige Bewegung, an der man keinen bestimmten Punkt angeben kann, bey dem sie ihre Richtung abänderte. Und dieß ist der Fall mit der Schlangenlinie, welche sich von der oben abgebildeten bloß durch ihre Freiheit unterscheidet.

[…] 

zum ganzen Brief

„Schönheitslinie" in Schillers Brief an Christian Gottfried Körner vom 23. Februar 1793

 

Schiller zeichnete hier zunächst eine Zickzacklinie und dann eine Schlangenlinie, die eine ,schöne Linie‘ ist oder zumindest sein könne, wenn seine  ,Feder besser‘ gewesen wäre. Das Papier bietet der Feder Widerstand, in Schillers Fall dürfte sie hörbar gekratzt haben: Die Perfektion der Vorstellung und die Unvollkommenheit der Darstellung treffen aufeinander

Foto: DLA Marbach

x

Alle drei Prismen von Schiller, ein Bergkristall mit Einschlüssen, eine Dose mit türkisfarbenen Steinen sowie ein Schal mit Farbverläufen an den Kanten zwischen Schwarz und Weiß, der seiner Schwester Christophen gehört haben soll:

 

Arbeitsfoto: DLA Marbach

 

Foto: DLA Marbach

Prismen aus Schiller Nachlass

 

Was passiert, wenn man durch ein Prisma in einen hellen Raum schaut? Nicht viel. Goethe stellt diese Erfahrung an den Anfang seiner „Farbenlehre“: „Aber wie verwundert war ich, als die durchs Prisma angeschaute weiße Wand nach wie vor weiß blieb, dass nur da, wo ein Dunkles dran stieß, sich eine mehr oder weniger entschiedene Farbe zeigte, dass zuletzt die Fensterstäbe am allerlebhaftesten farbig erschienen, indessen am lichtgrauen Himmel draußen keine Spur von Färbung zu sehen war.“ 

Zum Sehen von Farben, so eine von Goethes Schlussfolgerungen aus diesem Erlebnis, gehören notwendig Grenzen und Kontraste. Wir sehen sie, wenn Dunkles und Helles aufeinandertreffen: „Nirgends, als da wo Schwarz und Weiß grenzen, erblickt man Farben.“

Goethe interessierte sich für Farben (wie Schiller für die Schönheit und „das Schöne“) als ästhetisch-subjektive Wahrnehmung, die uns neue Erfahrungen erlauben, unsere Sinne schärfen und in unterschiedliche Stimmungen versetzen, nicht als naturwissenschaftlich erfassbare, mathematisch-mechanisch berechenbare und nur mit dem Verstand erklärbare Phänomene.

Angeregt durch Goethe führte Schiller selbst Experimente durch: „Ich betrachtete mit einem gelben Glas die Gegenstände vor meinem Fenster, und hielt es soweit horizontal vor das Auge, dass es mir zu gleicher Zeit die Gegenstände unter demselben zeigte, und auf seiner Fläche den blauen Himmel abspiegelte, und so erschienen mir an den hochgelb gefärbten Gegenständen alle die Stellen hell purpurfarbig, auf welche zugleich das Bild des blauen Himmels fiel, so dass es schien, als wenn die hochgelbe Farbe, mit der blauen des Himmels vermischt, jene Purpurfarbe hervor gebracht hätte.“ 

Drei unterschiedliche Prismen sollen auf Schillers Schreibtisch gelegen sein, ein farbloses, ein gelbes und ein graues – für ihn eine Erinnerung an unsere Fähigkeit, uns von Dingen, die wir anschauen, zu distanzieren, denn wir können jederzeit das Glas von unseren Augen nehmen und die Welt wieder in ihren normalen Proportionen und Farben sehen. Würden wir sie dauernd durch das Prisma betrachten: Wir versänken bald im Chaos der Dinge. Und andersherum ebenso: Hätten wir die Kraft der Phantasie nicht, die wir mit dem Farbensehen einüben – die Welt wäre grau und armselig.

 

Ausschnitte aus Schillers „Die Räuber" als Körperübung

 

Schillers erstes und zu Lebzeiten erfolgreichstes Schauspiel wird in Gang gesetzt, indem der hässliche Franz Moor seinen älteren, schöneren Bruder Karl beim Vater durch einen gefälschten Brief verleumdet: Sein Lieblingssohn werde nach einem Mord steckbrieflich gesucht. Dem Bruder schickt er ebenfalls einen gefälschten Brief: Der Vater verstoße ihn. Karl, der für die Unterdrückten kämpfen will, schließt sich daraufhin einer Räuberbande an; auch das edle Ziel ist auf schlechte Taten angewiesen: Raub und Totschlag. Am Ende tötet Franz sich selbst, Karl dagegen löst durch sein Geständnis, ein Räuber zu sein, den Tod des Vaters aus, ersticht seine Geliebte Amalia und stellt sich, das Todesurteil vor Augen, freiwillig. Anders als im Märchen gewinnt am Ende das Gute und Schöne nicht eindeutig gegen das Böse und Hässliche. Längst ist die Welt unter moralischen Gesichtspunkten nicht mehr so einfach zu fassen.

„Die Räuber“ waren bei ihrer Erstaufführung am 13. Januar 1782 in Mannheim ein Ereignis: „Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum! Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Thüre. Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus deßen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht!“

Schillers Schreiben zielt auf die Bewegung der Seele wie des Körpers und verwickelt einen von Kopf bis Fuß, dass einem manchmal um ein Haar Hören und Sehen vergeht und nichts mehr zu sitzen scheint, wo es hingehört. Vom Satzzeichen und Wortklang über den Aufbau eines Satzes hin zur Reihung in einer längeren Passage, vom Tätigkeitswort hin zum Begriff provozieren diese, dass man sie sich mimisch vorstellt.

Schreibe einen Kommentar