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Hölderlin für Eilige

Für das Schiller-Nationalmuseum erarbeiten wir zur Zeit ein neues Ausstellungskonzept, daher sind vier Schriftsteller – Friedrich Schiller, Friedrich Hölderlin, Justinus Kerner und Eduard Mörike – vorläufig ins Literaturmuseum der Moderne umgezogen.

In Hölderlins Umzugskisten steckt auch ein „Hölderlin für Eilige“: Was sind die neun X schönsten, wichtigsten, spannendsten, anregendsten, rätselhaftesten, berührendsten, unvergesslichsten Hölderlin-Exponate im Deutschen Literaturarchiv und warum?

Die Zahl „Neun“ wird in diesem virtuellen Raum, der eine kuratierte Auswahl und kein vollständiger Bestandskatalog ist, immer wieder das Maß sein. Aus neun Buchstaben besteht der Name „Hölderlin“, mit Hilfe von neun Musen begriff man im antiken Griechenland die Welt der Literatur. Jede inspirierte eine andere Gattung der Dichtkunst: Erato, Euterpe, Kalliope, Klio, Melpomene, Polyhymnia, Terpsichore, Thalia und Urania.

Foto: DLA Marbach

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Dank dir! aus dem schnadernden Gedränge / Nahmst du mich, Vertraute! Einsamkeit! / Daß ich glühend von dem Lorbeer singe, / Dem so einzig sich mein Herz geweiht.

Euch zu folgen, Große! – Werd ichs können? / Wirds einst stärker, eures Jünglings Lied? / Soll ich in die Bahn, zum Ziel zu rennen / Dem diß Auge so entgegenglüht.

Wann ein Klopstok in des Tempels Halle / Seinem Gott das Flammenopfer bringt / Und in seiner Psalmen Jubelschalle / Himmelan sich seine Seele schwingt –

Wann mein Yung in dunkeln Einsamkeiten / Rings versammelnd seine Todte wacht, / Himmlischer zu stimmen seine Saiten / Für Begeistrungen der Mitternacht

Ha! der Wonne! ferne nur zu stehen / Lauschend ihres Liedes Flammenguß, / Ihres Geistes Schöpfungen zu sehen / Warlich! es ist Himmelsvorgenuß.

Nein! ich wolte nichts auf dieser Erden! / Dulden all’ der Welt Verfolgungen / Jedes Drangsaal, jegliche Beschwerden, / All des Neiders bittre Schmähungen – –

Lieber Gott! wie oft ich schwacher dachte, / Wie ichs tröstete das arme Herz / Wenn ich Nächte kummervoll durchwachte, / O so oft, so oft in meinem Schmerz,

Wann der Stolz verächtlich niederschaute, / Wan der Eitle meiner spottete, / Dem vor meinen Sittensprüchen graute, / Wenn oft selbst – mich floh – der Edlere;

O vieleicht, daß diese Bitterkeiten – / Dacht’ ich – stärker bilden deinen Geist! / Daß die Stille höher deine Saiten / Stimmt, zu mänlichen Gesang dich reißt!

Aber still! die goldne Bubenträume / Hört in ihrer Nacht die Zukunft nicht – / Schon so manche Früchte schöner Keime / Logen grausam mir ins Angesicht.

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Gestrichen hat Hölderlin diese Strophe: „Laßt michs sagen, Spötter! laßt mich sagen – / Sterben würd’ ich, dieser Mann zu sein, / Martern wolt’ ich dulden, so zu klagen, / Höllenqualen, so zu Gott zu schrein.“

Unten ersetzt er sie: „Ha! der Wonne! ferne nur zu stehen / Lauschend ihres Liedes Flammenguß, / Ihres Geistes Schöpfungen zu sehen / Warlich! es ist Himmelsvorgenuß.“

1. Schaugedicht: Hölderlins Streichung in „Der Lorbeer" (1788)

 

Wie streicht man etwas ,schön‘ durch, wenn man ein Gedicht korrigiert, das man extra in ein Heft geschrieben hat?

Seit 1786 schrieb der Maulbronner Klosterschüler Hölderlin Freundschafts- und Liebesgedichte im Stil der Lieblingsjugendautoren seiner Zeit: Schiller, Klopstock, Ossian, Goethe. Seine Jugendliebe Louise Nast war dabei Co-Leserin und oft die Adressatin seiner Texte:

„Deine Veilchen stehen vor mir, Louise! Ich will sie aufbewahren, so lang ich kann. Weil Du den Don Carlos liest, will ich ihn auch lesen, auf den Abend, wenn ich ausgeschaft habe. Ich mache wirklich über Hals und Kopf Verse – ich soll dem braven Schubart ein Paquet schicken. Auf meinen Spaziergängen reim‘ ich allemal in meine Schreibtafel – und was meinst du? – an dich! an dich! und dann lösch‘ ichs wieder aus.“

Das Gedicht „Der Lorbeer“ schrieb Hölderlin zusammen mit 16 weiteren im Sommer 1788 in ein Heft (das nach seinem Standort im 20. Jahrhundert benannte „Marbacher Quartheft“, mit einer Echtheitsbestätigung von Eduard Mörike), um sie mit ins Tübinger Stift zu nehmen, wo er im Herbst ein Theologiestudium begann. Als er das Gedicht Anfang 1789 korrigierte, strich er den Vers so durch, dass dieser als Textblock erhalten bleibt.

Hölderlin korrigierte damit sozusagen innerhalb des ,Systems Lyrik‘: Mit der zunehmenden Prosaisierung von dramatischen und erzählenden Texten Mitte des 18. Jahrhunderts werden der Vers und sein Stellvertreter, der eingerückte Textblock, das Alleinstellungsmerkmal der Lyrik, das sie entsprechend inszeniert. Ein Gedicht ist das, was auf den ersten Blick aussieht wie eins.

Foto: DLA Marbach

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Transkription:

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Auf der Rückseite:

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Transkription der Rückseite:

 

Foto: aus der Frankfurter Hölderlin-Ausgabe, hg. von Dietrich E. Sattler

 

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Ein Beispiel für die Versschemata, die Hölderlins Gedichten zugrunde liegen und machmal in den Gedichten sichtbar werden:

 

(Ausschnitt: Stuttgarter Foliobuch)

2. Von Innen nach Außen, aus der Tiefe an die Oberfläche dichten: Entwurf der Hymne „Tinian" (1800/01)

 

Der Schriftsteller Walter Benjamin zitiert in einem Text über Hölderlin den romantischen Schriftsteller Novalis: „Jedes Kunstwerk hat ein Ideal a priori, eine Notwendigkeit bei sich, da zu sein.“ Benjamin bezeichnet dieses Ideal a priori als die „innere Form“. Diese „innere Form“ scheint in Hölderlins Manuskripten an die Oberfläche zu kommen: Der Text entwickelt sich nicht nur auf dem Papier, sondern tatsächlich auch aus dem Papier heraus.

An Hölderlins Entwürfen der Hymne „Tinian“ sieht man das eindrücklich: Hölderlin hat mit einzelnen Wörtern wie „Wohlduftend“, „Sonnenvögel“, „Welttheil“ (vom Hölderlin-Herausgeber Friedrich Beißner mit einer organischen Metapher als „Keimwörter“ bezeichnet) und halben Versen wie „Süß ists zu irren / In heiliger Wildniß“ auf dem Papier allmählich Inhalt und Form seines Gedichts abgesteckt, als ob er eine verborgene Struktur freilegen würde. Das Gedicht scheint schon da zu sein und nur noch an die Oberfläche kommen zu müssen.

Verantwortlich für diesen Effekt ist Hölderlins großes Gespür für metrisch-rhythmische Ordnungen, aus denen heraus er seine Gedichte denkt: Die einzelne Wörter und Wortverbindungen füllen in diesen Schemata schon einmal Leerstellen. Öfter hat Hölderlin diese Schemata auch notiert oder mit der Feder auf’s Papier oder der Hand auf den Tisch geklopft.

Foto: DLA Marbach

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Eines der frühesten Porträts – „Hoelderlin in seinem 18ten Jahr“ von seinem Jugendfreund Immanuel Gottlieb Nast gezeichnet.

Foto: DLA Marbach

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Das letzte Porträt – Hölderlin 1842 gezeichnet von Louise Keller.

Foto: DLA Marbach

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Hiemer-Porträts 1970 aus dem Nachlass von Paul Celan (Postkarte, Briefmarke, Buch – mehr darüber im Display Zitieren):

 

3. Das prägendste, wenn auch nicht unbedingt ähnlichste Hölderlin-Porträt: ein Pastell, das Franz Karl Hiemer 1792 auf schwarzen Karton malte

 

Der 22-jährige Hölderlin schenkte das von seinem Tübinger Freund Hiemer gemalte Pastell im Oktober 1792 seiner Schwester Heinrieke als Hochzeitsgeschenk. Ihr Urteil über das ihr „liebe“ Bild: Es fehle „viel zur Aehnlichkeit“.

Dennoch wurde Hiemers Porträt im 20. Jahrhundert zum Hölderlin-Bild schlechthin. 1927 kam es in die Sammlung des Schiller-Nationalmuseums und wurde im Dritten Reich zum am meisten reproduzierten Stück und zur begehrtesten Leihgabe. Die Berliner National-Galerie lieh es 1936 anlässlich der Olympischen Spiele für die Ausstellung „Große Deutsche in Bildnissen ihrer Zeit“ aus. 1943 druckte das SS-Hauptamt-Schulungsamt das Bild im SS ­Leitheft neben Hölderlins Gedicht „Der Tod fürs Vaterland“ ab: „Wo auch immer junge Deutsche, wie bei Langemarck, unerschrocken in der Schlacht gefallen sind, wurde ihnen in Hölderlins Dichtung das schönste Preislied ihres Opfers zuteil. Denn für den sterbenden Helden wird der Tod zum Sieg, freundlich grüßen ihn die Unsterblichen und nehmen ihn brüderlich auf.“ Hiemers Porträt wurde zur Ikone für die „Sakralisierung der Dichtergestalt“, die im Dritten Reich zusammen mit der „Mythisierung des Dichterworts“ (Claudia Albert) Hölderlins Popularisierung und Kanonisierung unterstütze und prägte.

Die Karriere des Porträts ging nach 1945 weiter: Für’s Hölderlin-Jubiläum 1970 wurde eine Briefmarke gedruckt, die unter anderem Rose Ausländer, Margarete Hausmann und Johannes Poethen auf eine Marbacher Postkarte des Porträts klebten, die sie an Paul Celan schickten, der zu selben Zeit in Wilhelm Michels Hölderlin-Biographie las, deren Titelbild wiederum Hiemers Porträt zeigte.

 

Foto: DLA Marbach

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Als Hölderlins Haare überlieferte Locke:

Foto: DLA Marbach

4. Eine andere Art ,Porträt': Hölderlins Pass von 1802

 

Am 28. September 1802 ließ sich Hölderlin vom „Herzoglich Wirtembergischen Oberamt Nürtingen“ einen Pass für eine vierwöchige Reise über Blaubeuren und Ulm nach Regensburg ausstellen:

„Statur 6F [sechs Fuß, ca. 182 cm] hoch, braune Haare, hohe Stirne, gerade Nase, rötliche Wangen, mittelmäßiger Mund, schmale Lippen, angelaufene Zähne, brauner Bart, rundes Kinn, Breite Schultern und ohne Gebrechen, 32 Jahre alt.“

Eine von Hölderlins braunen Haarlocken ist im Archiv überliefert.

 

Hierzu: Materialien für den Unterricht

Fotomontage: DLA Marbach

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Unter anderem steht auf diesem Blatt diese Textpassage:

„Du wirst erobern, rief Diotima, und vergessen wofür? Du wirst wenn es hoch kommt, einen Freistaat dir erzwingen wirst der Zubereitungen so viele machen zu dem künftigen Feste, bis daß du am Ende fragen wirst, was war es, das wir zu feiern gedachten? Schöne Seele! du wirst dich abarbeiten im wilden Kampf, und lebensmüd am Ende fragen, wo seid ihr nun, ihr Ideale der Jugend und dann sagen, wofür hab’ ich gebaut? ach! wirst umsonst es wird verzehrt seyn all das schöne Leben, daselbst in deinem; Freistaat nun sich das in ihm siegen regen sollte, wird verbraucht seyn selbst in dir! Der wilde Kampf wirst dich zerreißen schöne Seele!, du wirst altern, seeliger blühender Geist! und lebensmüd am Ende fragen, wo seid ihr nun, ihr Ideale der Jugend! Das ist grausam, Diotima, rief ich, so ins Herz zu greifen, so an meiner eignen Todesfurcht, an meiner höchsten Lebenslust mich vestzuhalten – aber nein! nein! nein! der Knechtsdienst tödtet, aber gerechter Krieg macht jede Seele lebendig. Das giebt dem Golde die Farbe der Sonne, daß man so ins Feuer es wirft! Das, das giebt erst dem Menschen seine ganze Jugend seine Gottheit, daß er Fesseln zerreißt! das rettet ihn allein, daß er sich aufmacht und die Natter zertritt, das kriechende Jahrhundert, das alle schöne Natur im Keime vergiftet“

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Hölderlin hat wiederholt mit Schrifterscheinungen gespielt: Hier zum Beispiel hat er die Verse „Und der Himmel wird wie eines Mahlers Haus / Wenn seine Gemählde sind aufgestellet“ mit der Feder ohne Tinte ins Papier geritzt:

Foto: WLB Stuttgart („Stadt Bad Homburg v.d.Höhe, Depositum der Württembergischen Landesbibliothek, Hölderlin-Archiv, Homburger Folioheft, Homburg F., Blatt 40) 

 

 

 

 

 

 

 

5. Auf dem Wasserzeichen der Freiheit: Manuskriptblatt aus dem „Hyperion" (1797/99, vorletzte Fassung)

 

Das Papier des von Verehrern auseinandergeschnittenen Doppelblatts stammt aus Frankreich: Das Wasserzeichen zeigt die phrygische Mütze der Jakobiner und die Inschrift PRO PATRIA LIBERTATE, eine Anspielung auf Sallusts „Bellum Catilinae“: „Nos pro patria, pro libertate, pro vita certamus; illis supervacaneum est pugnare pro potentia paucorum“ – „Wir kämpfen um Vaterland, um Freiheit, um Leben; jene drängt nichts, für die Macht einiger weniger zu kämpfen“.

Für Vaterland (Griechenland) und Freiheit kämpfen auch die Romanhelden, die enttäuscht erkennen, wie im Krieg aus ihren Idealen ein Kampf um Macht statt um Gleichheit wird. Die Ideale stehen in diesem Fall nur im Papier, nicht mehr auf ihm. Ob man sie sieht, ist eine Frage des Lichteinfalls.

Foto: DLA Marbach

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Hölderlins „offizielle“ Widmung vorne:

„Der Einfluss edler Naturen ist dem Künstler so nothwendig, wie das Tagslicht der Pflanze, und so wie das Tagslicht der Pflanze sich wieder findet, nicht wie es selbst ist, sondern nur im bunten irdischen Spiele der Farben, so finden edle Naturen nicht sich selbst, aber zerstreute Spuren ihrer Vortrefflichkeit in den mannigfaltigen Anstalten und Spielen des Künstlers. Der Verfasser“

 

Foto: DLA Marbach

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Eine von Hölderlins Unterstreichungen mit Tinte und eine von Susette Gontards mit Bleistift:

 

Fotos: DLA Marbach

6. Das Buch als Raum für zwei heimlich Liebende: Exemplar des „Hyperion", das Hölderlin 1799 Susette Gontard schenkte

 

Als 1799 der zweite Band des „Hyperion“ erscheint, ließ Hölderlin für seine ,Diotima‘ Susette Gontard die Broschur mit dem ersten Band von 1797 zusammenbinden und den Deckel innen mit rotem Papier beziehen.

Er schrieb zwei Widmungen hinein, in die Mitte vor den zweiten Teil das berühmte „Wem sonst als Dir“, korrigierte sorgfältig Fehler, unterstrich mit Tinte ihm wichtige Stellen wie „Du bewahrst die heilige Flamme, du bewahrst im Stillen das Schöne, dass ich es wiederfinde bei dir“ und erläuterte in einem begleitenden Brief:

„Hier unsern Hyperion, Liebe! Ein wenig Freude wird diese Frucht unserer seelenvollen Tage Dir doch geben. Verzeih mirs, daß Diotima stirbt. Du erinnerst Dich, wir haben uns ehmals nicht ganz darüber vereinigen können. Ich glaubte, es wäre, der ganzen Anlage nach, nothwendig. Liebste! alles, was von ihr und uns, vom Leben unseres Lebens hie und da gesagt ist, nimm es wie einen Dank, der öfters um so wahrer ist, je ungeschikter er sich ausdrükt.“

Susette Gontard, die drei Jahre später starb, unterstrich mit Bleistift weitere Stellen, die für sie bestimmt schienen. Die letzte davon: „Auch wir, auch wir sind nicht geschieden, Diotima und die Thränen um dich verstehen es nicht“. Diotima ist Susette, Hyperion Hölderlin. Das Verhältnis fand heimlich statt.

Die Widmung  in der Mitte – „Wem sonst als Dir“ – ist ein Zitat aus dem Roman selbst, wo Hyperion dem Marmordenkmal des Dichters Homer eine Locke opfert. „Wem sonst, als dir?“, ruft Hyperion nach einer langen Pause: „Wir sprachen kein Wort, wir berührten uns nicht, wir sahen uns nicht an, so gewiß von ihrem Einklang schienen alle Gemüter in diesem Augenblicke, so über Sprache und Äußerung schien das zu gehen, was jetzt in ihnen lebte.“

Foto: DLA Marbach

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„Überzeugung // Als wie der Tag / die Menschen hell / umscheinet, / Und mit dem Lichte, / das den Höh’n entspringet, / Die dämmernden Erscheinungen vereinet, / Ist Wissen, welches / tief der Geistig-/keit gelinget“

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Hinten:

„Es ist eine Behauptung der Menschen, daß Vortrefflichkeit des innern Menschen eine interessante Behauptung wäre. Es ist der Überzeugung gemäß, daß Geistigkeit menschlicher Innerheit der Einrichtung der Welt tauglich wäre. Scardanelli“

 

Foto: DLA Marbach

7. Zurückgewiesene Autorschaft: das für Hölderlin bestimmte Exemplar seiner ersten Gedichtausgabe (1826 von Gustav Schwab und Ludwig Uhland herausgegeben)

 

Als der Sohn von Gustav Schwab, Christoph, im Februar 1841 Hölderlin ein Exemplar der ersten Ausgabe seiner Gedichte schenken wollte, versuchte er es zwei Mal – beide Male gab Hölderlin das Geschenk zurück. „Die sind von mir; aber der Name ist gefälscht, ich habe nie Hölderlin geheißen, sondern Scardanelli oder Scarivari oder Salvator Rosa oder so was.“ Hölderlin schrieb jedes Mal handschriftliche „Rückwidmungen“ an Christoph Schwab in das Buch: vorne ein Gedicht und hinten einen Spruch.

 

Foto: DLA Marbach

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Mörikes Abschrift folgt dem Manuskript, das heute im Bestand des Kupfälzischen Museums in Heidelberg ist: PDF der Transkription.

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Das aufgeschlagene Doppelblatt:

 

Foto: DLA Marbach

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Vier von Hölderlins Besuchern im Tübinger Turm – vorne links: Rudolf Lohbauer, in dessen Gartenhaus am Tübinger Österberg sich der Freundeskreis traf und der die Tuschzeichnung 1823 angefertigt hat, mit entblößter Brust und einer Art phrygischer Mütze, hinten links Eduard Mörike mit umkränztem Krempenhut, daneben Wilhelm Waiblinger mit Pfeife und Schiffermütze, vorne rechts Ernst Friedrich Kauffmann.

 

Foto: DLA Marbach

8. Wie Gedichte entstehen: Hölderlins Ode „An Heidelberg" in der Rekonstruktion von Eduard Mörike

 

Der Freundeskreis um Eduard Mörike besuchte in den 1820er-Jahren Hölderlin im Tübinger Turm. Der Theologiestudent Wilhelm Waiblinger war mit 18 das erste Mal bei Hölderlin. 1827 schrieb er dessen erste Biographie: „Friedrich Hölderlin’s Leben, Dichtung und Wahnsinn“. Darin erzählt er unter anderem, wie Hölderlin von sich und mit anderen sprach („Ich, mein Herr, bin nicht mehr von demselben Namen, ich heiße nun Killalusimeno. Oui, Eure Majestät“), sang („In welcher Sprache, dass konnte ich nie erfahren, so oft ich es auch hörte; aber er that es mit überschwenglichem Pathos“) und dachte („gewöhnlich laut“, „im Widerstreit zwischen Nein und Ja“ und in „Kamalattasprache“).

Waiblinger studierte in seiner Höldelin-Biographie den Lebenszusammenhang von Hölderlins späten Gedichten und die Verbindungen von Wahnsinn und Dichtung, Mörike die strukturellen, graphisch sichtbaren und rhythmisch spürbaren Verfahren von Hölderlins Poesie. Er verglich Varianten wie bei  dem für ihn „schönsten Hölderlinschen Gedicht, der Ode ‚An Heidelberg'“), prüfte Abschriften auf Fehler, suchte nach Erklärungen dafür  („weniger vertraut mit den antiken Metren“, „zufällig“) und las entgegen seines ersten Urteils über die späten Gedichte (1838: „Ich habe dieser Tage einen Rummel Hölderlinischer Papiere erhalten, meist unlesbares, äußerst mattes Zeug.“) sie doch immer wieder. 

1843 besuchte Mörike Hölderlins Schwester Heinrike in Nürtingen, die dort in derselben Wohnung lebt wie davor Mörikes Mutter: „[ich] bekam einen großen Korb mit Manuskripten ins Haus geschickt.“ Ablenkung „war nötig, sonst könnte man vor solchen Trümmern beinahe den Kopf verlieren. Ich fand merkwürdige Konzepte seiner (zumeist gedruckten) Gedichte mit viel Korrekturen, mehrfache reinliche Um- und Abschriften der gleichen Stücke. /(Schwab hat, wie ich aus Zeichen seiner Hand bemerkte, die Redaktion besorgt, und zwar, soviel ich nur verglich, mit seinem Sinn) […] Besonders rührend waren mir so kleine verlorene Wische aus seiner Homburger und Jenaer Zeit, die mich unmittelbar in sein trauriges Leben und seine Anfänge versetzten.“

1846, drei Jahre nach Hölderlins Tod, kopierte Mörike die Ode aus dem „Concept mit sämmtlichen Correcturen“ für seinen Freund Wilhelm Hartlaub: „Es wird Dich unterhalten in die Entstehung dieses Stücks hineinzusehn, wie es sich nach u. nach gereinigt hat, Gedanke u. Ausdruck immer klarer u. kräftiger wurde. Es ist theils mit der Feder theils mit dem Bleistift geschrieben; die halbverwischten Züge des letzten sind nur eben noch lesbar“.

 

Foto: DLA Marbach

9. Wie Dichter im Leben erscheinen: noch ein Hölderlin-Poträt

 

In Mörikes Nachlass befindet sich auch das von den Freunden Johann Georg Schreiner und Rudolph Lohbauer am 27.7.1823 nach einem Besuch bei Hölderlin „gleichsam wehmüthig spielend miteinander auf einen Wisch Papier“ gezeichnete Porträt des 53-jährigen Hölderlin.

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