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Kafka lesen und interpretieren

Zu seinen Lebzeiten erscheinen nur einige wenige Erzählungen Kafkas. In schriftstellerischen Kreisen wird er zwar wahrgenommen und rezensiert, der große Publikumserfolg bleibt aber aus. Nach Kafkas Tod halten seine Familie und Freunde die Erinnerung an ihn wach, bemühen sich um sein Werk. Vor allem sein Freund Max Brod beginnt sofort, die Texte Kafkas aus dessen Nachlass, den Brod laut Wunsch des Verstorbenen eigentlich hatte vernichten sollen, zu edieren. So wird Kafka erst posthum als Romanautor bekannt. Einflussreiche Autoren wie Kurt Tucholsky, Stefan Zweig und Walter Benjamin rühren die Werbetrommel und verbreiten seinen Ruhm nach 1933 auch im Exil.

Im Deutschen Literaturarchiv Marbach finden sich viele Zeugnisse, die zeigen, wie Kafkas Werke aufgenommen werden – zu seinen Lebzeiten, vor allem aber nach seinem Tod. Die Archivalien veranschaulichen, wie Kafkas Texte gelesen, kommentiert, interpretiert, zensiert oder weitergeschrieben werden. Dabei nimmt die Rezeption nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen Deutschlands zunächst einen anderen Weg als im Osten, bis gegen Ende der 1980er Jahre die Ideologie zurücktritt und Kafka als Weltautor wahrgenommen wird.

Rainer Maria Rilke hört eine Lesung Kafkas

„Franz Kafka Abend bei Goltz“, notiert Rainer Maria Rilke in seinem Terminkalender vom 10. November 1916 – ein Hinweis, dass er Kafkas einzige öffentliche Lesung außerhalb Prags besucht hat. In der Reihe ‚Abende für neue Literatur‘ trägt Kafka an diesem Abend in der Münchner Galerie Neue Kunst Hans Goltz die Erzählung In der Strafkolonie vor – auf Anempfehlung des Pressereferats der Münchner Polizeidirektion allerdings unter dem in Kriegszeiten unverfänglicheren Titel ‚Tropische Münchhausiade‘. Die Reaktion der Kritik war überwiegend negativ, Kafka selbst wertet die Lesung am 7. Dezember 1916 in einer Postkarte an Felice Bauer als „tatsächlich großartigen Mißerfolg“. Den „phantastischen Übermut […] öffentlich vorzulesen“, hat er künftig nicht mehr, belässt es bei Vorträgen im privaten Kreis.

Franz Werfel lobt die "Verwandlung"

„Lieber Kafka, Sie sind so rein, neu, unabhängig, und vollendet, daß man eigentlich mit Ihnen verkehren müßte, als wären Sie schon tot und unsterblich. So etwas fühlt man sonst bei keinem Lebenden«, schreibt Franz Werfel am 10. November 1915 unmittelbar nach Erscheinen der Verwandlung an Kafka. Er, der fünf Jahre zuvor prophezeit hatte, dass Kafkas Werke „niemals über Bodenbach [Grenzbahnhof zwischen Böhmen und Sachsen] hinauskommen“ würden, er, der Die Verwandlung nur vom Hörensagen kannte, als er sie im März 1915 Kurt Wolff empfahl, sich aber als Lektor beim Kurt Wolff Verlag nicht um den Text gekümmert hatte, er ist jetzt, nachdem er die bislang „andern Leuten“ nur „vorphantasiert[e]“ Erzählung „nun endlich“ gelesen hat, von ihr überwältigt, schreibt Kafka einen enthusiastischen Lobesbrief und dankt ihm „tief für die Ehrfurcht, die ich für Sie hegen darf.“

Die "Verwandlung" macht Siegfried Wolff ratlos

„[R]atlos“, ja „unglücklich“ macht Die Verwandlung den Berliner Bankdirektor Siegfried Wolff aus Berlin-Charlottenburg. Er könne seiner Kusine, der er Kafkas Verwandlung geschenkt habe, den Sinn des Textes nicht erklären. Auch die Mutter der Kusine und eine andere Kusine wüssten keinen Rat. Daher wendet sich Wolff am 10. April 1917 direkt an den Autor: „Herr! Ich habe Monate hindurch im Schützengraben mich mit den Russen herumgehauen und nicht mit der Wimper gezuckt. Wenn aber mein Renommee bei meinen Kusinen zum Teufel ginge, das ertrüg ich nicht. Nur Sie können mir helfen. Sie müssen es; denn Sie haben mir die Suppe eingebrockt. Also bitte sagen Sie mir, was meine Kusine sich bei der Verwandlung zu denken hat.“

 
 

Kafka wird rezensiert

Kafka interessierte sich stets für das Echo, das seine Publikationen in Zeitungen fanden. So bittet er 1913 den Kurt Wolff Verlag, bei der Suche nach Rezensionen des Heizers zu helfen. Kafkas zweite Buchpublikation wird positiv aufgenommen. Heinrich Eduard Jacob etwa ist „wie von einem Wunder getroffen“, als er die Novelle liest, und preist den Heizer in der Deutschen Montagszeitung am 16. Juni 1913 als „vollkommenstes Stück neuer deutscher Prosa seit Heinrich Mann“. Anders wird Kafkas Auftritt in der Münchner Galerie Neue Kunst Hans Goltz im November 1916 besprochen, wo er zunächst Lyrik Max Brods und dann In der Strafkolonie vorgelesen hatte. Während eine Kritik in der München-Augsburger Abend-Zeitung noch vergleichsweise verhalten kritisch den „Rezitationen“ Kafkas „Mängel“ vorwirft und die Strafkolonie, wenn sie auch „nichts für Aug und Ohr“ sei, immerhin zu den „beachtenswerte[n] literarische[n] Leistungen“ zählt, ist das Urteil der Münchener Neuesten Nachrichten vernichtend. Als „Vorlesender“ sei Kafka ein „recht ungenügender Uebermittler“, und die Strafkolonie erscheint dem Rezenten zu langatmig, „um irgendwie noch einen künstlerischen Eindruck hervorbringen zu können“. Kafka ist von den negativen Besprechungen der Münchner Lesung so empfindlich getroffen, dass er, wie er an Felice Bauer schreibt, darauf verzichtet, „auch noch die andern Besprechungen zu bekommen“.

 
 
 

Max Brod vernichtet Kafkas Nachlass nicht

Zwei Wochen nach Kafkas Tod im Juni 1924 rechtfertigt Max Brod in der Weltbühne seinen Entschluss, entgegen dem Wunsch seines Freundes dessen Nachlass nicht zu vernichten, sondern zu sammeln und herauszugeben. Er ist sicher, dass „Franz Kafka einer der größten Dichter und reinsten Menschen aller Zeiten“ ist, und bezeichnet ihn als „das eigentliche Rückgrat [s]einer ganzen geistigen Existenz“. Auf Anfrage von Hartmut Binder erinnert sich Brod 1966, was er vorfand, als er „nach dem Tode Kafkas in seine Wohnung (d. h. bei seinen Eltern) kam und mit Zustimmung und auf Bitten der Erben (eben der Eltern) alle Papiere ordnete“.

Stefan Zweig liest Max Brods Kafka-Biografie

Max Brod ist es zu verdanken, dass Kafka nach seinem Tod immer bekannter wird. 1937 äußert sich Stefan Zweig aus dem Londoner Exil begeistert über Brods Kafka-Biografie, die für Jahrzehnte den Maßstab setzen wird: „Das Buch hat mich geistig erregt wie schon lange keines“. Er lobt Brods „grossartige Einsicht ins Menschliche“ und dessen „Fähigkeit zum Enthusiasmus, die von Erkenntnis nicht abgedämpft sondern magisch durchleuchtet“ werde.

H.G. Adler erinnert in Theresienstadt an Kafkas 60. Geburtstag

Auf Initiative des Schriftstellers H.G. Adler wird im Juli 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt an Kafkas 60. Geburtstag erinnert. Adler hatte Ende 1941 als Zwangsarbeiter in einem Gestapo-Depot in Prag versucht, den „Buchnachlaß Franz Kafkas […] zu retten.“ Ab Februar 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt interniert, bereitet Adler im Sommer 1943 auf Karteikarten einen Gedenkvortrag über Kafka vor, den er in der Lagerkaserne Magdeburg hält. Vor seiner Deportation nach Auschwitz im Oktober 1944 übergibt Adler seine Aufzeichnungen, die er für ein geplantes Buch über Theresienstadt zusammengetragen hatte, dem Mithäftling Leo Baeck. Beide überleben. Im Juni 1945 kann Baeck Adler die Aktentasche mit den Unterlagen zurückgeben.

Ilse Aichinger liest Kafka nicht

Als Ilse Aichinger 1952 bei der Tagung der Gruppe 47 vorliest, wird die Autorin des Romans Die größere Hoffnung und der Erzählung Der Gefesselte „Fräulein Kafka“ genannt, obwohl sie sich nicht explizit auf Kafka bezieht. Sie sucht nach neuen Methoden, um von der alptraumhaften Wirklichkeit zu erzählen, die sie kennengelernt hatte, als sie während des Zweiten Weltkriegs mit ihrer jüdischen Mutter völlig isoliert in Wien lebte. 1983 berichtet Aichinger in der Dankesrede zum Kafka-Preis, sie habe zwar schon früh von Kafka erfahren, aber „bis heute kaum etwas gelesen“. Nach der bewegenden Lektüre einer einzigen Stelle in einem Brief Kafkas sei ihr klar geworden: „So lange ich atme, lese ich nicht weiter.“

Paul Celan dichtet in einer Shakespeare-Ausgabe über Kafka

Seit den späten 1940er Jahren beschäftigt sich Paul Celan auf unterschiedlichen Ebenen mit Franz Kafka. In den frühen 1950er Jahren trägt er sich mit dem Plan, mit einer Arbeit über Kafka das Diplôme d’Études Supérieures zu erlangen, und während seiner Tätigkeit an der École Normale Supérieure in Paris gibt er Kurse zu ihm. Die Kafka-Ausgaben in seiner Bibliothek tragen Spuren sämtlicher Modi der Auseinandersetzung mit dem Werk. Intensiv ist vor allem Celans poetische Annäherung, die in Kafka auch den jüdischen Schicksalsgenossen sucht. Die erste Fassung des Gedichts Vom Anblick der Amseln notiert er 1965 in der Psychiatrie in seine Shakespeare-Ausgabe: Kafkas jüdischer Vorname lautete Amschel, was auch die ursprüngliche Form von Celans Familienname Antschel sowie eine mittelhochdeutsche Form für Amsel ist.

Martin Walser promoviert über Kafka

Martin Walser erwirbt 1949 den Band Beim Bau der Chinesischen Mauer mit Erzählungen und Prosa Kafkas, der 1931 von Max Brod und Hans-Joachim Schoeps aus dem Nachlass Kafkas herausgegeben worden war. Weil Walser der Raum neben dem gedruckten Text nicht ausreicht, benutzt er für seine Kommentare Vordrucke der väterlichen Bahnhofsrestauration. Walsers Dissertation von 1951 mit dem Titel Beschreibung einer Form. Versuch über Franz Kafka gilt als Meilenstein der Forschung.

 

 
 
 

Theo Lutz lässt den Computer mit Kafka dichten

1959 erscheint unter dem Titel Stochastische Texte in der von Max Bense herausgegebenen Zeitschrift augenblick eines der ersten computergenerierten Gedichte. Autor des Programms: der Mathematiker Theo Lutz. Er entnimmt Kafkas Roman Das Schloss je 16 Substantive und Adjektive, fügt Konjunktionen und Pronomen hinzu und codiert dieses Sprachmaterial auf Lochkarten. Die Zuse Z 22, die legendäre erste deutsche Röhrenrechenmaschine, wählt nach dem Zufallsprinzip Wörter aus dem Vorrat aus und kombiniert sie nach definierten grammatischen Regeln. Auf diese Weise lassen sich 4 mal 10.242 einfache Hauptsätze produzieren. Selbstverständlich wird nur eine Auswahl auf einem Fernschreiber ausgedruckt.

 
 

Johannes Bobrowski schreibt Kafka ab

Der Schriftsteller Johannes Bobrowski liest Kafka bereits als Gymnasiast in Königsberg. Zwei Kafka-Texte nimmt er später, als er nach einer Zeit in einem sowjetischen Umerziehungslager für deutsche Kriegsgefangene nach Ostberlin kommt, in eine private Anthologie auf. Die Verehrung für den Prager Autor, der in der DDR zu dieser Zeit im Buchhandel nicht erhältlich ist, drückt Bobrowski darin aus, dass er Texte Kafkas – z. B. die Erzählung Die Sorge des Hausvaters – eigenhändig mit größter Sorgfalt und auf teuren, mit Faden zusammengehefteten Papieren abschreibt. Bobrowski, der 1962 als erster ostdeutscher Autor den Preis der Gruppe 47 bekommt und im Verlag seines Freundes Klaus Wagenbach veröffentlicht, gilt als wichtiger Vermittler zwischen den Welten diesseits und jenseits der Mauer.

Der Reclam Verlag Leipzig begutachtet Erzählungen Kafkas

Bevor ein Buch in der DDR erscheinen kann, muss der Verlag das Manuskript mit einer ausführlichen Begründung und einem Außengutachten bei der zuständigen Zensurbehörde einreichen. Für den Band mit ausgewählten Erzählungen von Franz Kafka, der 1978 im Reclam Verlag Leipzig erscheinen wird, verfassen der Lyriker und Lektor Heinz Czechowski und der Philosoph und Lektor Jürgen Teller das interne Gutachten. Sie machen alles richtig: Das Gutachten verweist auf die marxistische Kafka-Forschung, grenzt sich ab von der westlichen Kafka-Mode und verschweigt „Kafkas Grenzen, die Enge seiner Sicht“ nicht. Auf diese Weise hat der Antrag Erfolg. Das Taschenbuch erscheint bis 1989 in mehreren Auflagen und wird mit insgesamt 250.000 Exemplaren die am weitesten verbreitete Kafka-Ausgabe in der DDR.

Peter Handke adaptiert Kafka

1965 veröffentlicht Peter Handke in seinem Band Begrüßung des Aufsichtsrats das Prosastück Der Prozeß (für Franz K.), in dem er, wohl als Ausdruck der Verehrung, Kafkas Roman auf 18 Seiten nacherzählt. Auch in seinen Notizbüchern zitiert und kommentiert er immer wieder Kafka, der ihm mehrmals sogar in Träumen erscheint. Am 19. Mai 1983 notiert Handke schwer lesbar mit Bleistift zu Mitternacht: „Ich hasse Franz Kafka, den ewigen Sohn (den ‚Söhnling‘)“.

Wilhelm Genazino knüpft an Kafka an

„Der Autor, in dessen Texten ich mich am heimischsten fühle, ist nach wie vor Kafka.“ Wilhelm Genazino notiert diesen Satz 2012 in seinem Werktagebuch, in dem er sich über Jahrzehnte mit Kafka auseinandersetzt. 1974 vergleicht er Erinnerungen an seinen eigenen Vater mit dem schlafenden Vater von Gregor Samsa. In unveröffentlichten Aufzeichnungen ahmt er nicht ohne Selbstironie den paradoxen Stil von Kafkas Aphorismen nach: „Über Kafka kann man alles behaupten, sogar Abwegiges. Man kann sogar sagen: Wer Kafka nicht gelesen hat, gehört noch gar nicht zu den Menschen.“ Auf einem weiteren Notizzettel: „Wer Angst kriegt, schreibt eine Interpretation; sie ist der Versuch, etwas Endloses kleiner zu machen.“

Barbara Köhler lernt mit Kafka Ungarisch

Was bedeutet Kafka für Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die seine Texte kennenlernten, als sie bereits zur Weltliteratur gezählt wurden? Für viele wird Kafka zu einer selbstverständlichen Bezugsgröße. Barbara Köhler benutzt eine 1987 in Budapest erschienene zweisprachige Ausgabe seiner Erzählungen zum Lernen der ungarischen Sprache.

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