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Making of „Literature“

Wer macht die Literatur? Die Autoren oder die Texte oder die Leser oder die Verlage oder die Druckereien oder das Internet oder die Agenten oder die Lektoren oder die Werbung oder die Literaturkritik oder die Literaturwissenschaft? Das „oder“ lässt sich als „und“ auflösen: Alle zusammen.

Was nehmen wir als Literatur wahr und was bleibt als Literatur? Hier spielen Literaturpreise im 20. und 21. Jahrhundert eine wichtige Rolle. 1901 wurde erstmals der Nobelpreis für Literatur verliehen, 1903 der Prix Goncourt, 1917 der Pulitzer-Preis. Heute gibt es allein in Deutschland über 1.300 Literaturpreise.

Foto: DLA Marbach

Nobelpreisurkunde für Hermann Hesse (1946)

„Für seine inspirierte Verfasserschaft, die in ihrer Entwicklung neben Kühnheit und Tiefe zugleich klassische Humanitätsideale und hohe Stilwerte vertritt“, erhält Hesse 1946 den Literatur-Nobelpreis.

Foto: DLA Marbach

Prominente Unterstützung für Karl Jaspers: Klaus Piper an Hermann Hesse

ausgewählt und kommentiert von Sandra Murr

Nominierungen für den Nobelpreis erfolgen in der Regel durch Akademien, Universitätsprofessor:innen aus den jeweiligen Fachbereichen und ehemalige Preisträger:innen, die in ihrer Kategorie Anwärter:innen vorschlagen. Auch wenn Hannah Arendt und Klaus Piper ihren eigenen Weg verfolgen und darauf setzen, „möglichst viele individuelle Fürsprecher von vorschlagsberechtigten Persönlichkeiten aus möglichst vielen Ländern“ zu gewinnen, so wenden sie sich auch an ehemalige Literaturnobelpreisträger wie T.S. Eliot und Hermann Hesse.

Warum sich Jaspers als Philosoph in deren Folge als Schriftsteller einreihen könne, begründet Piper Hesse gegenüber mit dem Lebenswerk Jaspers, das in der „Helle und Energie des Durchdenkens der menschlichen Grundprobleme unserer Zeit“, aber auch durch die „ständig gewachsene Klarheit seiner sprachlichen Ausdrucksform die hohe Auszeichnung verdient“.

Foto: DLA Marbach

Nobelpreisurkunde für Theodor Mommsen (1902)

Am 10. Dezember 1902 wird der Nobelpreis für Literatur dem Historiker Theodor Mommsen verliehen. Die Nobel-Statuten sehen vor, dass unter dem Begriff Literatur auch Schriften anderer Disziplinen zu verstehen sind, „welche durch Form und Darstellung literarischen Wert besitzen“. Wegen seines hohen Alters (85) wagt Theodor Mommsen nicht, mitten im Winter nach Stockholm zu fahren: „Da würde es mir wohl wie Voltaire ergehen. […] Führe ich nach Stockholm, käme ich wohl nicht lebend zurück!“

Foto: DLA Marbach

Preis für Alte? Stefan Zweigs Polemik „Die zehn Wege zum deutschen Ruhm" (1912)

Die frühexpressionistische Zeitschrift „Der Ruf. Ein Flugblatt an junge Menschen“ ist die publizistische Plattform des 1908 gegründeten „Akademischen Verbandes für Literatur und Musik in Wien“: Programmatisch zielt die avantgardistische Vereinigung auf künstlerischen Erneuerungswillen und ironische Gesellschaftskritik. „Karneval“ ist passend das Motto der ersten Ausgabe im Februar 1912, in der der 31-jährige Zweig seine satirische Schrift veröffentlicht.

Foto: DLA Marbach

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Mit der tatsächlichen Vermarktung des Romans und dessen Rezeption war Domin dann indes alles andere als zufrieden.

Foto: DLA Marbach

Hilde Domin schlägt Klaus Piper Werbemaßnahmen für ihren neuen Roman vor

Siegfried Unseld spricht von „der merkwürdigen, janusköpfigen Tätigkeit des Verlegers. Er muss […] Geist mit Geschäft verbinden“. Dies gilt gleichermaßen für Autor:innen. Den großen Erfolg erhofft sich Hilde Domin auf der Buchmesse 1968 mit ihrem Roman „Das zweite Paradies“ und leitet einige konkrete Schritte in die Wege, die diesen Erfolg ermöglichen sollen: Von der Benennung einzelner Rezensent:innen für den SPIEGEL und die ZEIT, über die Vorabzusendung von Fahnen und Proben an Buchhändler:innen hin zur Empfehlung einer strategisch verlegerischen Kopplung mit dem Band „Wozu Lyrik heute“, der 1968 ebenfalls bei Piper erschienen ist, schlägt sie Klaus Piper eine breite Sammlung an möglichen Werbemaßnahmen vor.

Foto: Thomas Hartmann, Universitätsbibliothek Mainz

Protokollbuch des Rotbuchkollektivs im Mainzer Verlagsarchiv

So unscheinbar es wirkt, ist das Protokollbuch des Rotbuchkollektivs mit dem programmatischen Titel des Buches „Ab jetzt wird alles ganz anders!“ doch eines der für die Wissenschaft wertvollsten Objekte des Mainzer Verlagsarchivs. Um seine Bedeutung zu erfassen, muss man sich über den besonderen Stellenwert des Rotbuch Verlags im Klaren sein: Der Verlag wurde 1973 in Berlin als Abspaltung von Mitarbeiter:innen des Verlags Klaus Wagenbach gegründet. Rotbuch hatte als kollektiv geführter Verlag eine Sonderstellung in der Bundesrepublik: Die hier Beschäftigten waren gleichzeitig Eigentümer:innen und entschieden gemeinschaftlich über Organisation, Finanzen und Programm, Auswahl der Autor:innen, Vertrieb und Ladenpreis.

Diese kollektiven Arbeits- und Entscheidungsprozesse können im Protokollbuch nachvollzogen werden, das in handschriftlichen Ausführungen die Zeit von 1981 bis 1993 näher beleuchtet. Die Kollektivmitglieder trafen sich abwechselnd vormittags im Verlag (für eine kürzere Sitzung mit raschen Entscheidungen) oder abends im privaten Raum (für eine ausführliche Diskussion über Programmentscheidungen mit ,open end‘). Die Protokolle wurden alternierend von verschiedenen Mitarbeiter:innen geführt, dementsprechend unterschiedlich sind sie in Stil und Informationsgehalt. Manchmal werden knapp und stichwortartig Entscheidungen notiert (Annahme oder Ablehnung von Manuskripten, Titelfindung), manchmal ausführlicher die gruppendynamischen Prozesse und Konflikte des Kollektivs protokolliert.

Das Protokollbuch gehört mit anderen Lektoratsunterlagen zum Rotbuch-Archiv, das Teil des Mainzer Verlagsarchivs (MVA) ist. Das MVA wurde im Jahre 2009 von Univ.-Prof. Dr. Stephan Füssel, dem Leiter des Instituts für Buchwissenschaft, gegründet.

Foto: DLA Marbach

Die Nobelpreisverleihung als kulturelles Ereignis

ausgewählt und kommentiert von Paulus Tiozzo

Preisverleihungen und Kontaktnetzwerke sind wesentliche Teile der Verlagswelt. Dies wird nicht zuletzt im Brief des schwedischen Verlegers Georg Svensson an Klaus Piper vom 4.12.1973 deutlich. Im Brief, in dem Piper zu den Nobelfeierlichkeiten eingeladen wird, werden geplante Treffen mit einigen der bedeutendsten Vertreter des literarischen Feldes in Schweden angekündigt: Lars Gustafsson, dem Kritiker Bengt Holmqvist und dem Verleger Gerhard Bonnier.

Foto: DLA Marbach

Rabindranath Tagore: „The shy bride"

Der bengalische Dichter Tagore ist seit seiner Auszeichnung mit dem Nobelpreis 1913 einer der erfolgreichsten außereuropäischen Autoren. Seine in bengalischer Sprache geschriebenen Gedichte übersetzt er teilweise selbst ins Englische. Als er 1921 das erste Mal Deutschland besucht, erscheinen bei Kurt Wolff seine „Gesammelten Werke“ in acht Bänden. Seine Lesereise ist ein grandioser Erfolg. Er wird Thomas Mann und Stefan Zweig vorgestellt, Rilke und Hesse interessieren sich für ihn.

Foto: DLA Marbach

S. Fischer – Bücher des Jahres

„Lasst Blumen sprechen“: „Die Literarische Welt“ druckt zum neuen Jahr 1927 gleich einen ganzen Strauß von Autor:innen aufs Titelblatt und S. Fischer kündigt 1927 „Die Bücher des Jahres“ an. Wilhelm Lehmann bewahrt beides in seiner Sammlung zu Walter Benjamin auf. Die „Literarische Welt“ wurde 1925 von Ernst Rowohlt und Willy Haas gegründet und von 1925 bis 1933 von Willy Haas herausgegeben. Neben Alltagsthemen, Interviews und Rundfragen standen vor allem Literatur, Kunst und Kultur im Mittelpunkt und die „Literarische Welt“ avancierte in Kürze zur wichtigsten Literaturzeitung der Weimarer Republik und galt als zentrales Organ für die Zirkulation von Literatur.

Foto: DLA Marbach

Ein Nobelpreis für Karl Jaspers?

ausgewählt und kommentiert von Sandra Murr

Am 25. Oktober 1956 äußert die politische Theoretikerin Hannah Arendt gegenüber dem Verlagsleiter Klaus Piper erstmals die Idee, den Philosophen Karls Jaspers für den Nobelpreis vorzuschlagen.

Ihre Korrespondenz zentriert zunächst um die Frage, für welchen Preis der Basler Psychiater und Philosoph Jaspers in Frage kommt. Nachdem Jaspers 1958 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird, ziehen sie sowohl den Friedens- als auch den Literaturnobelpreis in Betracht. Nach der Auskunft des schwedisch-deutschen Schriftstellers Max Tau entfernen sie sich jedoch von dem Gedanken an den Friedensnobelpreis und setzen sich mit Nachdruck für die Nominierung Jaspers für den Literaturnobelpreis ein. Hierzu bauen Arendt und Piper ein nationales und internationales Befürworter-Netzwerk für Jaspers auf.

Foto: DLA Marbach

Flucht nach Tunesien: Der Nobelpreis für Samuel Beckett

ausgewählt und kommentiert von Sandra Murr

Die Nominierung Samuel Becketts als Literaturnobelpreisträger kommt für ihn und seinen langjährigen deutschen Verleger Siegfried Unseld überraschend. Allein die Nominierung wird von Beckett als „Bedrohung“ empfunden. Als am 23. Oktober 1969 offiziell feststeht, dass er den Nobelpreis verliehen bekommt, verlängert der irische Schriftsteller seinen Aufenthalt in Tunesien auf unbestimmte Zeit. Auch Unseld, der sich erfreut über die Auszeichnung und die Wirkung von Becketts Werken zeigt, darf ihm nicht nachreisen.

Beckett, der bereits 1957 das erste Mal für den Literaturnobelpreis nominiert wurde, zählt zu den umstrittenen Preisträgern. Auch 1969 fällt die Wahl auf ihn innerhalb des Schwedischen Nobelpreiskomitees nicht einstimmig.

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