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Politische Programme

Verlage sind wichtige politische Akteure und machen mit der Literatur, die sie verlegen, immer ein politisches, oft regierungskritisches Programm. Wo Systeme die Meinungsfreiheit garantieren, kann dieses Programm öffentlich realisiert werden. Wo das nicht der Fall ist, wird Literatur im Untergrund oder im Ausland gedruckt und vertrieben.

Foto: DLA Marbach

Exilprogramm 1939 – Querido Verlag Amsterdam

Die deutsche Abteilung, die Fritz Landshoff 1933 im holländischen Querido Verlag gründet, wird schnell zu einer wichtigen Adresse für deutsche Exil-Autor:innen: 1939 stehen Döblin und Feuchtwanger ebenso auf dem Plan wie Erika und Klaus Mann. Angekündigt werden sie auf der Rückseite von Vicki Baums zweitem Hotel-Roman (nach dem 1929 erschienenen, mit Greta Garbo 1932 von Hollywood verfilmten „Menschen im Hotel“). In „Hotel Shanghai“ kreuzt Baum die Schicksale von neun Personen, darunter ein deutsch-jüdischer Emigrant, die zu Beginn des chinesisch-japanischen Krieges 1937 im namensgebenden Hotel zusammentreffen.

Foto: DLA Marbach

Anna Seghers: "Das siebte Kreuz. Roman aus Hitlerdeutschland" (deutschsprachige Erstausgabe 1942)

Nach dem Hitler-Stalin-Pakt 1939 muss der im französischen Exil geschriebene Vorabdruck des Romans in einer Moskauer Exilzeitschrift eingestellt werden. So kann Anna Seghers die Geschichte von Georg Heislers Flucht aus dem Konzentrationslager erst 1942 im mexikanischen Exil veröffentlichen – zunächst auf Englisch in den USA und dann auf Deutsch im mexikanischen Exilverlag „El Libro Libre“.

Foto: DLA Marbach

Arnold Zweigs Erzählungen "einer harten und wirren Zeit" im Querido Verlag Amsterdam

Als Jude und dem Zionismus verbundener Sozialist muss Arnold Zweig (1887–1968) Deutschland 1933 verlassen und emigriert über die Tschechoslowakei, die Schweiz und Frankreich nach Palästina, bevor er 1948 nach Ost-Berlin zurückkehrt. Seine Bücher fallen in Deutschland der Bücherverbrennung zum Opfer. 1933 erscheint seine Sammlung von Erzählungen „Spielzeug der Zeit“ im Amsterdamer Exilverlag Querido. „Spielzeug einer harten und wirren Zeit sind sie alle“, heißt es im Verlagsprospekt über das Figureninventar dieser Erzählungen.

Foto: DLA Marbach

Theodor Plieviers Antikriegsroman "Stalingrad"

„Und da war Gnotke.“ So knapp und unpathetisch beginnt Plieviers Anti-Kriegsroman. Noch im russischen Exil redet er mit Überlebenden der Stalingrad-Schlacht, in der Hitlers von Hunger und Kälte zermürbte Armeen Anfang 1943 kapitulieren. Plievier personalisiert die historischen Fakten, indem er sie auf wenige fiktive Figuren konzentriert. Sein Roman, von Alfred Andersch als das „erste große Kunstwerk der Nachkriegsliteratur“ gerühmt, wird in 30 Sprachen übersetzt und erreicht Millionenauflagen.

Foto: DLA Marbach

Lion Feuchtwangers "Wartesaal"-Trilogie

Seit 1933 lebt Feuchtwanger in Sanary-sur-Mer in Frankreich. Nach dem Roman „Erfolg“ und „Die Geschwister Oppenheim“ erscheint mit „Exil“ 1940 der letzte Teil des Romanzyklus „Der Wartesaal“ im Amsterdamer Querido Verlag. Im Nachwort schreibt Feuchtwanger: „Ich bin überzeugt, daß mir der Ausgang dieses Krieges die Rückkehr nach Deutschland erlauben und mir die Möglichkeit geben wird, den Roman-Zyklus […] mit einem Epilog ‚Rückkehr‘ zu beschließen.“ Zu einer solchen Rückkehr soll es jedoch nie kommen. Feuchtwanger verbringt die letzten 17 Jahre seines Lebens im amerikanischen Exil.

Foto: DLA Marbach

Das Massaker von Lidice

Am 30. April 1942 schickt Anna Seghers ein Telegramm an Heinrich Mann mit der Bitte um ein deutschsprachiges Manuskript für den neu gegründeten Exilverlag El Libro Libre in Mexiko. Es folgt ein Briefwechsel mit dem Journalisten Hans Marum zwischen Mexiko und Kalifornien. Mann denkt an das Kriegstagebuch 1939/40. Aufgrund der politischen Ereignisse entscheidet er sich schließlich dafür, das Manuskript des Romans „Lidice“ zu übersenden. Der Roman hat die Erschießung aller männlichen Bewohner des tschechischen Dorfs Lidice durch Mitglieder des NS-Regimes am 10. Juni 1942 zum Zentrum. 1943 erscheint Heinrich Manns „Lidice“ beim Verlag El Libro Libre in Mexiko.

Foto: DLA Marbach

Die polnische Bibliothek

In einer einzigartigen Zusammenarbeit brachte das Deutsche Polen-Institut mit der Finanzierung der Robert Bosch Stiftung die Polnische Bibliothek im Suhrkamp Verlag auf den Weg. Ziel war die Stärkung der deutsch-polnischen Beziehungen, u.a. durch die vertiefte Kenntnis der polnischen Literatur- und Kulturgeschichte in deutscher Übersetzung.

So erschienen zwischen 1982 und 2000 50 Bände – von der Literatur des Mittelalters bis ins 20. Jahrhundert. Als Herausgeber sowie Verantwortlicher im Lektorat und für die Übersetzung spielte Karl Dedecius (1921–2016) eine wesentliche Rolle. Seine Entscheidungen, u.a. den Fokus eher auf historische Dichter:innen als auf Gegenwartsautor:innen zu richten, brachten ihm aber auch Kritik ein,

Foto: DLA Marbach

Günter Grass an Buchhändlerinnen und Buchhändler

Grass rührt die Werbetrommel für den ersten Prosaband von Hans Joachim Schädlich, der 1977 bei Rowohlt in Reinbek bei Hamburg erscheint; Schädlich folgt seinem Buch im Dezember desselben Jahres nach und verlässt die DDR Richtung Hamburg. Die beiden Autoren kennen sich von inoffiziellen Treffen West- und Ostberliner Schriftsteller:innen, die zwischen 1974 und 1977 alle acht Wochen in Ostberlin stattfinden. Grass besucht die Treffen als Mit-Initiator regelmäßig, und auch Schädlich ist häufiger Gast.

Foto: DLA Marbach

Eine Minimalbibliothek des klugen Politikers

Dass Literatur die Kraft hat, Welt und Politik zu verändern, ist eine alte Idee, die Iso Camartin in einem Brief an Siegfried Unseld vom 6.11.1994 wieder aufgreift. Literarische Werke als Quelle von Weltwissen und Weisheit sieht er als Grundvoraussetzung für eine kluge politische Lenkung. Auf dieser Grundidee aufbauend fragt er nach einer „Minimalbibliothek eines (europäischen) Politikers“. Den Verleger Siegfried Unseld sieht er dabei in der Position, die Ausstaffierung der Politiker:innen mit den relevanten Werken zu bewerkstelligen. Darunter fallen in seiner Aufzählung Goethe, Shakespeare, Dante und Beckett, aber auch Thomas Bernhard, Norbert Elias oder Jürgen Habermas.

Foto: Thomas Mann House Los Angeles

Thomas Manns Rede "Vom zukünftigen Sieg der Demokratie" (amerikanische Erstausgabe 1938)

ausgewählt und kommentiert von Stefan Keppler-Tasaki

Die Rede „The Coming Victory of Democracy“, die Thomas Mann im Frühjahr und Sommer 1938 in 15 amerikanischen Städten vorträgt, markiert den Beginn seines öffentlichen Auftretens gegen den NS-Staat und zugleich seines Lebens in den USA. Die Übersetzung aus dem Deutschen nimmt Manns amerikanische Unterstützerin, die politisch engagierte Journalistin Agnes E. Meyer, vor, die ihn auch zur Übersiedlung in das „klassische Land der Demokratie“ ermutigt. Gegen eine globale Krise der Demokratie, „auch in Amerika“, regt Mann zu ihrer „Erneuerung in Gedanken und im Gefühl“ an. Sie sei die Staats- und Gesellschaftsform des „lebensverbundenen Geistes“. Der deutsche Text erscheint als Sonderheft der von Mann verantworteten Exilzeitschrift „Mass und Wert“ im Zürcher Oprecht Verlag, die amerikanische Ausgabe bei Manns New Yorker Verleger Alfred A. Knopf. Ihr hinterer Umschlag präsentiert Thomas Mann als Nobelpreisträger mit seinen Romanen und Essays in englischer Sprache.

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