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Projekt-Wörterbuch 1: A – M

Ein Themenalphabet von A wie „(Erfundene) Autoren“ bis Z wie „Zensierte Texte“ ergänzt in der Ausstellung den offenen Forschungsraum. Noch ist unsere Sammlung unvollständig:

Agenten – Alternativen – Aufrufe – (Erfundene) Autoren – Backlist – Bastler – Bedeutung und Sinn – Bezahlung – Buchmesse – Carmen Balcells und Cotta – Cover – Dort – Eiszeit – Falttechnik – Frankfurt –  Gatekeeper – Götter – Hubertusweg – Ich – Japan – Klappentexte – Kleider – Kontextwechsel – Korrektur – Lizenz – Manuskripte …

Foto: DLA Marbach

A wie Agenten

Der Blick über den Tellerrand der deutschsprachigen Literatur und die zunehmende Tendenz zur Literatur in Übersetzung erfordern Kontakte und Mittlerfiguren, die im jeweiligen Sprach- und Kulturraum heimisch sind. Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden in diesem Kontext auch literarische Agent:innen für die Verlagsarbeit immer wichtiger. Sie vermitteln zwischen Autor:innen und Verlag und handeln Verträge für Original- und Lizenzausgaben aus. Zu den wichtigen Figuren gehört Ray-Güde Mertin (1943–2007), die außerdem als Übersetzerin arbeitete und 1982 die Literarische Agentur Mertin – Literatur aus Brasilien, Portugal, lusoph. Afrika & Hispanoamerika gründete. Hier vermittelt sie zwischen den Erben des brasilianischen Autors Graciliano Ramos und dem Suhrkamp Verlag. 1978 war Graciliano Ramos‘ Roman „Angst“ („Angústia“) in der bibliothek suhrkamp (bs 570), 1981 „Karges Leben“ („Vidas secas“) als suhrkamp taschenbuch (st 667) erschienen – beide in der Übersetzung von Willy Keller. Beide waren zwar Gegenstand von Seminaren an Universitäten und wurden von Kritikern einhellig gelobt; in der breiten Öffentlichkeit sind Ramos‘ Werke aber nie angekommen. Dementsprechend niedrig blieben die Verkaufszahlen. Der Rückgabe der Rechte wird vor diesem Hintergrund verlagsseitig schweren Herzens zugestimmt.

Foto: DLA Marbach

A wie „alternative: Zeitschrift für Literatur und Diskussion"

Von 1958-1982 erschien die Zeitschrift „alternative“  und verstand sich als Zeitschrift der Neuen Linken, die sich zu aktuellen politischen Themen und zur zeitgenössischen Literatur kritisch äußerte. Im Fokus standen dabei vor allem die Vermittlung zwischen Ost und West (im Februar-Heft von 1968 wurden neue Texte aus der DDR vorgestellt), aber auch politische Ereignisse wie der algerische Unabhängigkeitskrieg, die strukturalistische Theorie oder die Literatur Osteuropas. 1982 wurde die Zeitschrift eingestellt, da ihr Anspruch nicht mehr zur politischen Realität passte. Die Herausgeberin Hildegard Brenner resümiert in der letzten Ausgabe, dass „diese Neue Linke schleichend und weitgehend reflexionslos auseinandergebrochen ist. Daß es sie als Kollektivum nicht mehr gibt. […] Damit verliert eine Zeitschrift wie alternative nicht nur ihr Publikum, sondern auch ihre Funktion.“

Foto: DLA Marbach

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Titelentwurf vom Oktober 1964 aus dem Verlass von Helmut Lethen:

Arbeitsfoto: DLA Marbach, mehr über das Redaktionsarchiv der „alternativen“ im DLA von Sabine Koloch auf lliteraturkritik.de

A wie Alternativen: Carl Schmitts Ausgabe der „alternative" zu Walter Benjamin 1967

 

Walter Benjamin hatte im Dezember 1930 Schmitt sein Buch über das barocke Trauerspiel geschickt und sich für dessen Anregungen und Bestätigungen bedankt:

„Vielleicht darf ich Ihnen darüber hinaus sagen, dass ich auch Ihren späteren Werken, vor allem der ‚Diktatur‘ eine Bestätigung meiner kunstphilosophischen Forschungsweisen durch Ihre staatsphilosophischen entnommen habe. Wenn Ihnen die Lektüre meines Buches dieses Gefühl verständlich erscheinen lässt, so ist die Absicht meiner Übersendung erfüllt.“

Nun sucht Carl Schmitt in dem Heft über Benjamin, dem er dessen Brief beilegt, nach seinen eigenen Spuren und markiert sie mit Ausrufezeichen und Nachzeichnungen der Buchstaben: „Hier verknüpft sich Benjamins Denken mit Motiven der Konservativen Revolution, ver- und entmischen sich Esoterik und Dezision, der jüdische Messianismus berührt die politische Anthropologie, Schmitts Konzept des Ausnahmezustands rückt in die Nachbarschaft von Oskar Goldbergs ‚Plötzlichkeitscharakter der jüdischen Metaphysik‘.“ (Helmut Lethen)

Foto: DLA Marbach

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Foto: DLA Marbach

Karlheinz Barck kommentiert die Veröffentlichung von Nerudas Gedichten im Reclam-Verlag (1973)

A wie Aufruf: Luchterhand ruft zur Solidarität mit dem chilenischen Volk auf

Kurz nach dem Tod des chilenischen Schriftstellers Pablo Neruda (1904–1973) starten Lektor:innen des Luchterhand Verlags einen Aufruf zur Solidarität mit dem chilenischen Volk und werben für Spenden, um den Widerstand des chilenischen Volks zu unterstützen. Dem vorausgegangen war die Rezeption des chilenischen Ausnahme-Dichters in Deutschland und Europa sowie eine Verkettung seines literarischen Werks mit politischen Ereignissen, die international ausgriffen. Der Nobelpreisträger Neruda wurde im deutschsprachigen Raum vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verlegt, u.a. bei Luchterhand, Volk und Welt und Insel – die meisten Werke in der Übersetzung von Erich Arendt. Als chilenischer Konsul in Madrid pflegte er Kontakte zur sogenannten Generation von 1927, vor allem zu Federico García Lorca. Während des Franco-Regimes floh er nach Paris; seine Erfahrungen mit der Franco-Diktatur und dem Spanischen Bürgerkrieg flossen in den Lyrikband  „España en el corazón“/„Spanien im Herzen“. Der Aufruf des Luchterhand Verlags erfolgt im Kontext von Nerudas Tod. Neruda war kurz nach dem Putsch in Chile vom 11. September 1973 gestorben – dem Beginn der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet.

Foto: DLA Marbach

A wie Aufruf: Offener Brief der Berliner Künstler: Protest gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann

Die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann im November 1976 prägt wie kaum ein anderes Ereignis die Literaturgeschichte der DDR: Hoffnungen auf ein ‚Tauwetter‘ in der Kulturpolitik unter Erich Honecker sind auf einen Schlag zerstört. Dreizehn „Berliner Künstler“ protestieren in einem offenen Brief, Hunderte schließen sich in den Tagen darauf an, viele folgen Biermann in den Westen.

Da das „Neue Deutschland“, das Zentralorgan der SED, den offenen Brief nicht abdruckt, verbreitet ihn die französische Nachrichtenagentur AFP im Westen.

Foto: DLA Marbach

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Sein Pseudonym leitet Erich Kästner vom „Münchhausen“-Dichter Gottfried August Bürger (1747-1794) ab.

 

A wie (erfundene) Autoren: Erich Kästner alias Berthold Bürger als Autor des Drehbuchs von „Münchhausen"

Für das Erfinden literarischer Welten sind Kunstgriffe und Rollenspiele nötig. Wer spricht wie, wer erzählt, wie soll sich der Leser den Autor vorstellen? Manchmal müssen diese Rollenspiele weit getrieben werden, um politische Systeme zu überlisten. 1941 schreibt Erich Kästner das Drehbuch für den UFA-Durchhaltefilm mit Hans Albers – er gab sich als Berthold Bürger aus, damit sein Drehbuch für „Münchhausen“ durch die Zensur kam: Joseph Goebbels erteilte die erforderliche Sondergenehmigung und nahm auch das Drehbuch ab. Auf Betreiben des Führerhauptquartiers erhielt Kästner allerdings Ende 1942 totales Berufs- und Erwähnungsverbot. Im Vorspann des Films, der 1943 mit dem Prädikat „Künstlerisch besonders wertvoll“ ausgezeichnet wurde, wird überhaupt kein Drehbuchautor genannt.

Foto: DLA Marbach
UJA/H/110101 (Depositum der Johannes und Annitta Fries Stiftung)
Mit freundlicher Genehmigung der Johannes und Annitta Fries Stiftung und der Peter Suhrkamp-Stiftung

A wie (erfundene) Autoren: Siegfried Unseld an Uwe Johnson, Frankfurt am Main, 13. Juli 1959

Im Juli 1953 begrüßt Siegfried Unseld mit diesem Telegramm Uwe Johnson (1934–1984) im Westen. Ursprünglich wollte Johnson seinen Roman „Mutmassungen über Jakob“ unter dem Pseudonym „Joachim Catt“ veröffentlichen und in der DDR bleiben. Später erläuterte er, warum er lieber den Staat als den Namen gewechselt hat: „meine Freunde meinten, wenn der Staatssicherheitsdienst mindestens so tüchtig ist, wie ich ihn in den ‚Mutmassungen‘ dargestellt habe, dann hat er mich nach ein paar Monaten, und so bin ich an dem Tag, an dem in einer westdeutschen Druckerei ein Name auf einem Titelblatt eingefügt werden mußte, […] in West-Berlin aus der S-Bahn gestiegen.“

Foto: DLA Marbach

B wie Bezahlung: Arche Verlag an Gottfried Benn

Weil Lebensmittel wie Zucker, Kaffee und Schokolade auch im dritten Jahr nach Kriegsende in Deutschland noch knapp sind, lässt sich Benn von seinem Schweizer Verlag in Naturalien auszahlen, als ihm 1948, 12 Jahre nach seinem letzten, von den Nazis verbotenen Buch, mit den „Statischen Gedichten“ ein Comeback gelingt. Auch ein Jahr später erhält er kurz vor Weihnachten wieder einen „Soli-Warenbon“ vom Zürcher Arche-Verlag.

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Foto: DLA Marbach

 

Max Frisch schreibt nach der Frankfurter Buchmesse 1958 an Günter Eich über eine missglückte Begegnung der beiden auf der Buchmesse.

 

B wie Buchmesse: von erfolgreichen und missglückten Begegnungen

Buchmessen gelten als wichtige Veranstaltungen und Umschlagplätze, welche die Dynamik des Verlagswesens zu großen Teilen mitbestimmen. Hier werden Kontakte geknüpft, neue Projekte ersonnen und der Dialog mit der breiten Öffentlichkeit gesucht. Von gelungener Kontaktpflege über missglückte Vorstellungsversuche – wie etwa die Vorstellung Max Frischs und Günter Eichs durch Siegfried Unseld auf der Frankfurter Buchmesse 1958 – hin zu waschechten Fettnäpfchen ist alles möglich. Das Foto zeigt Mitarbeiter:innen des Metzler Verlags 1961 auf der Frankfurter Buchmesse. Der J.B. Metzler Verlag ist einer der ältesten Verlage in Deutschland und hat seit seiner Gründung 1682 die deutsche Geistesgeschichte wesentlich mitbestimmt. Mit enzyklopädischen Großprojekten wie „Der neue Pauly“ und die „Sammlung Metzler“ waren nationale und internationale Vernetzung stets von zentraler Bedeutung.

Foto: DLA Marbach

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Pablo Nerudas „Spanien im Herzen“ im Insel Verlag

C wie Carmen Balcells – die ,Mama Grande' der spanischsprachigen Literaturszene

Der Weg nach Lateinamerika führte ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fast ausschließlich über Barcelona. Dort hatte sich Carmen Balcells eine Literaturagentur aufgebaut, welche die Rechte von Autor:innen aus Lateinamerika und Spanien gegenüber den Verlagen vertrat. Ihre knallharten Verhandlungen waren legendär und kaum ein deutscher Verlag, der an der Publikation lateinamerikanischer Literatur in Übersetzung interessiert war, kam an ihr vorbei. Wegen ihres unermüdlichen Einsatzes für die Autoren erhielt sie den Spitznamen ,Mama Grande‘. Sie vertrat u.a. Mario Vargas Llosa, Gabriel García Márquez, Julio Cortázar und Isabel Allende.

Foto: DLA Marbach

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Erster Teil des Briefs von Schiller an Cotta, 9.3.1975, DLA Marbach

C wie Cotta: Schiller empfiehlt Hölderlins „Hyperion"

Nur wenige Verlagsarchive des 19. Jahrhunderts sind so reichhaltig überliefert wie das Cotta-Archiv: Es vereint nicht allein die wichtigsten deutschen Autoren der Spätaufklärung, Klassik und Romantik, sondern dokumentiert auch entscheidende Schritte der medialen Entwicklung, so die Welt der Journale und Zeitungen, der Korrespondenten, literarischen und journalistischen Netzwerke im globalen Maßstab.

Am 9. März 1795 schreibt Schiller an Cotta mit der Empfehlung, Hölderlins „Hyperion“ zu verlegen. „Hölderlin hat einen kleinen Roman, Hyperion, davon in dem vorletzten Stück der Thalia etwas eingerückt ist, unter der Feder. […] Ich rechne überhaupt auf Hölderlin für die Horen in Zukunft, denn er ist sehr fleißig und an Talent fehlt es ihm gar nicht, einmal in der litterarischen Welt etwas rechtes zu werden.“

Foto: DLA Marbach

E wie Eheprobleme: Heinrich Bölls Nachkriegsroman „Und sagte kein einziges Wort"

Nicht nur um Eheprobleme geht es in Heinrich Bölls 1953 bei Kiepenheuer & Witsch erschienenem Roman „Und sagte kein einziges Wort“. Böll erzählt die Ehegeschichte von Fred und Käthe, die nach dem Krieg mit ihren Kindern in so beengten Verhältnissen leben müssen, dass Fred gewalttätig wird und auszieht. Bölls unprätentiöser Ton trifft einen Nerv der Zeit, weil er – so der Kritiker Karl Korn auf dem Buchrücken – „unmittelbare menschliche Not ehrlich und wahrhaftig ausspricht, nicht gescheit sein will, nur wahr, nichts als wahr, rücksichtslos wahr.“

Foto: DLA Marbach

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Übrigens muß der Umschlag meines Briefes ungefähr so ausgesehen haben von hinten, wie nebenstehend zu sehen ist. Falls er das nicht tut, haben wir wieder einmal ein Musterbeispiel für die Tücke des Objekts zu bewundern. Und: für die Tücke gewisser Subjekte.

 

 

F wie Falttechnik: Uwe Johnson 1952 an seine ehemalige Lehrerin Charlotte Luhte

Der Rostocker Germanistikstudent Uwe Johnson kommentiert 1952 für seine ehemalige Lehrerin Charlotte Luthe Schillers Dissertation „Philosophie der Physiologie“, nach der „das Universum das Werk eines unendlichen Verstandes sei und entworfen nach einem trefflichen Plane“. Ironisch verschränkt Johnson diese Weltsicht mit der Planwirtschaft des DDR-Alltags: „Ich fürchte, der Schuldige war diesmal die Plankommission Seiner Höllischen Majestät des Teufels z.b.V., Nonsense, wie gehabt.“ Johnson zeigt mit einem gezeichneten Briefumschlag auch, wie der Brief aussehen muss, wenn er unbeschadet die Zensur passiert hat.

Foto: DLA Marbach

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G wie geistiges und sittliches Leben der Völker: Cottas Zeitschrift „Das Ausland" als Beitrag zu Völkerverständigung

„Wir haben wohl kaum nöthig, Sie auf die Bedeutung des ‚Ausland‘ hinzuweisen? es ist die einzige deutsche Wochenschrift für Kunde des geistigen und sittlichen Lebens der Völker, welche Bedeutung und weite Verbreitung auch in England, Frankreich, Russland etc. hat“, schreibt die J.G-Cotta’sche Buchhandlung am 2.8.1878 an die englische Verlagsbuchhandlung John Murray in London und erbittet ein Rezensionsexemplar von „Cyprus. Its ancient cities, tombs and temples“ des Generals Palma di Cesnola. 1828 hatte Cotta als Ableger des Morgenblattes für gebildete Stände die gleichfalls täglich, ab 1858 wöchentlich erscheinende Zeitschrift „Das Ausland“ gegründet – ein Kulturmagazin, das über ethnologische, politische, topographische und historische Erscheinungen und Ereignisse aus aller Welt informierte. Sowohl Originalbeiträge als auch Auszüge aus neu erschienenen Büchern, Akademieabhandlungen und internationalen Zeitschriften wurden, ins Deutsche übertragen, abgedruckt. Karten und Bilder ergänzten die behandelten Themen. Die über einige Jahre hinweg erscheinende Beilage „Blätter zur Kunde der Literatur des Auslands“ (1836-1840) bildete die Brücke zur fiktionalen Literatur.

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G wie Götter: Siegfried Unseld trifft Octavio Paz am Ort der Götter

In den legendären Reiseberichten schildert Siegfried Unseld minutiös die Kontaktpflege zu den Suhrkamp-Autoren. Eine besondere Beziehung verband ihn mit dem mexikanischen Autor Octavio Paz, den er auf seiner USA/Mexiko-Reise 1980 zwei Tage besuchte. Unseld zeigte sich begeistert von Paz‘ „ungewöhnlich kultivierte[r] Erscheinung“ und seiner schönen Wohnung mit „einer präsenten Weltliteratur und reichen Kunstschätzen“. Paz und Unseld hatten sich 1979 in Paris persönlich kennengelernt. 1984 wurde Paz der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zugesprochen, 1990 der Nobelpreis für Literatur. Neben den Gesprächen über Literatur stand in Mexiko auch der Besuch der Ruinenstädte Teotihuacán auf dem Programm.  Ob am „Ort der Götter“ der Grundstein für die erfolgreiche Paz-Rezeption in Deutschland gelegt wurde?

Foto: DLA Marbach

H wie „Hubertusweg": Typoskript mit handschriftlichen Korrekturen (1972)

Peter Huchel (1903–1981) verbringt von 1963 an nahezu neun Jahre lang in seinem Haus im Hubertusweg 41 in Wilhelmshorst bei Potsdam in Isolation: Nachdem er sich geweigert hatte, einen westdeutschen Literaturpreis abzulehnen, überwacht ihn die Staatssicherheit. Seine Post wird beschlagnahmt, die Ausreise in den Westen verwehrt. Nachbarn bespitzeln ihn.

Max Frisch und andere Autor:innen setzen sich beim Internationalen PEN für Huchel ein. 1971 kann er endlich ausreisen, überlässt das Haus im Hubertusweg seinem Freund Erich Arendt und schreibt ein Gedicht mit dem Straßenenamen im Titel. Es erscheint 1972 in seinem Gedichtband „Gezählte Tage“ bei Suhrkamp.

Foto: DLA Marbach

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Ankündigung für den Vorabdruck 1914:

K wie Kontextwechsel: Heinrich Manns „Der Untertan" (1914/1918)

Von Januar 1914 an erscheint „Der Untertan“ von Heinrich Mann als Fortsetzungsroman in der Illustrierten „Zeit im Bild“. Am 1. August 1914, bei Kriegsbeginn, stellt der Verlag die Veröffentlichung ein. Mann, der – nach Aufenthalten in Sankt Petersburg und Italien – in München lebt, wird 1915 einen russischen Verlag für den kaiserreichkritischen „Untertan“ finden und ihn in Deutschland kurz nach Kriegsende 1918 vollständig publizieren können. Das Vorwort erinnert dann an den geplanten Zeit-Kontext: „Dieses Buch wurde im Juli 1914 vollendet.“

Foto: DLA Marbach

K wie Kontextwechsel: „Über den Prozess der Zivilisation" von Norbert Elias

Der 1896 in Breslau geborene Elias, der als Jude sein Habilitationsverfahren über den „Höfischen Menschen“ 1933 abbrechen muss und seit 1935 in England lebt, schreibt sein Buch vor allem in der Bibliothek der British Library. Den Grund für die fortschreitende ,Zivilisierung‘ sieht er in der fortschreitenden Monopolisierung der Gewalt, die mit der Idee vom modernen Staat verbunden ist.

Als er den ersten Teil „Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes“ beendet hat, versucht er ihn 1937 in Deutschland zu publizieren, wo das ,unzivilisierte‘ Brechen von Tabus (wie Kot-Essen- und Sich-ausziehen-Müssen) Teil der Folter in den Konzentrationslagern ist.

Die Fahnen liegen schon in der Druckerei eines jüdischen Verlags in Breslau, als der Verleger flieht. Daraufhin lässt der Vater von  Elias eine kleine Sonderauflage drucken und binden und bringt die Fahnen wieder zu seinem Sohn nach London. 1938 wird dieser dann die erweiterten Fahnen in die Schweiz mitnehmen, wo 1939 die erste Ausgabe erscheint.

Foto: DLA Marbach

L wie Lizenzen: Lizenzvergaben des Insel-Verlags während des Zweiten Weltkriegs

Bei der globalen Vermarktung von Literatur spielen nicht nur Übersetzer:innen, (Auslands-)Agent:innen und der Kontakt zu fremdsprachigen Verlagen eine zentrale Rolle. Der Verkauf von Lizenzen gehört zum täglichen Geschäft im Verlagswesen.

Durch die Teilung Deutschlands spielten Lizenzfragen und -käufe zwischen BRD und DDR auch eine entscheidende Rolle, hier in der Korrespondenz zwischen dem Insel Verlag Frankfurt und dem Insel Verlag Anton Kippenberg Leipzig.

Foto: DLA Marbach

M wie Manuskripte: „Ich bin nicht Stiller!"

„Ich bin nicht Stiller!“ – mit diesem bekannten Satz beginnt der Roman „Stiller“ des Schweizer Autors Max Frisch, der 1954 beim Suhrkamp Verlag erscheint. Bereits in dieser Verweigerung wird die Rollen- und Identitätsproblematik des Künstlers Anatol Stiller, der sich als Mr. White ausgibt, deutlich. Doch im Typoskript, das Frisch dem Verlag im Mai 1954 zuschickt, findet sich dieser Satz noch nicht. Er fügt ihn erst im Sommer 1954 mit einer Korrektur der ganzen ersten Seite in die Druckfahnen ein.

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