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Schreiben

Was sieht man, wenn man sieht, wie Schiller geschrieben hat? Sechs Beispiele aus dem Deutschen Literaturarchiv machen den Auftakt: ein Plan zum „Don Carlos“, Teile der Materialsammlungen für den „Wilhelm Tell“ und das geplante, nicht beendete Drama „Die Malteser“ sowie eine von Schiller korrigierte Schreiberhandschrift zu „Die Piccolomini“, dem zweiten Teil der „Wallenstein“-Trilogie.

Wer ergänzen möchte, kann im digitalen Katalog des Deutschen Literaturarchivs, im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar und in der aktuellen Ausstellung zu Schiller im Literaturmuseum der Moderne stöbern oder auch in kurzen Inhaltsangaben zu den wichtigsten Schiller-Texten. Wer nur nach den Spuren bekannter Texte sucht: Da Schiller seine Entwürfe und Manuskripte vernichtet hat, wenn er einen Text veröffentlichte, existieren die meisten Textquellen zu seinen nicht abgeschlossenen und unbekannteren Projekten.

 

Foto: DLA Marbach

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„Gut, daß Ihrs seid, daß wir Euch haben! Wußt ichs doch, / Graf Isolan bleibt nicht aus, wenn sein Chef / Auf ihn gerechnet hat.“ Schiller ersetzte diesen eher holprigen Beginn durch das einprägsame und symmetrisch gebaute „Spät kommt Ihr – – Doch Ihr kommt! Der weite Weg, / Graf Isolan, entschuldigt Euer Säumen“.

Auch die „Geflügelten Worte“ sind bei Schiller das Ergebnis einer intensiven Arbeit am Text.

 

1. Sehen, wie Schiller beim Schreiben seine Texte laut sprach und für sich aufführte

 

„Wenn er dichtete, brachte er seine Gedanken unter Stampfen, Schnauben und Brausen zu Papier“, will einer von Schillers Zeitgenossen beobachtet haben. Man sieht diesen Körpereinsatz den wenigen erhaltenen Korrekturfassungen an (hier die erste Seite von „Die Piccolomini“ in der Schrift seines Schreibers Gottlieb Leonhardt Heubner mit Schillers Korrekturen; Depositum der Württembergischen Landesbibliothek): Schiller korrigierte seine Dramen so lange, bis sie für ihn spielbar und sprechbar waren.

Am Beispiel der ersten Korrekturen auf diesem Manuskript kann das jede:r für sich selbst überprüfen: Wie spricht sich die ursprüngliche Auftaktvariante, wie die Fertige?

Foto: DLA Marbach

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Zuerst steht hier:

„Ein großer festlich erleuchteter Saal, in der Vertiefung desselben eine reich ausgeschmückte Tafel, an welcher Octavio, Piccolomini, Terzky, Isolani mit sechs anderen Commandeurs sitzen und für den jüngern Piccolomini ein Platz leer gelassen ist. Die Mittelthür öffnet den Prospekt in eine Reihe von Zimmern, welche mit ähnlichen Tafeln besetzt sind. Mehr vorwärts steht der Credentische, die ganze vordere Bühne bleibt für die aufwartenden Bedienten frey. Alles ist in Bewegung, Spielleute und Terskys Regiment ziehen über den Schauplatz um die Tafel herum. Wenn sie sich entfernt haben, erscheint Max Piccolomini, ihm kommt Terzky mit einer Schrift, Isolani mit einem Pokal entgegen.“

Dann korrigiert Schiller:

„Szene: Ein großer festlich erleuchteter Saal, in der Mitte desselben und nach der Tiefe des Theaters eine reich ausgeschmückte Tafel, an welcher acht Generäle, worunter Octavio, Piccolomini, Terzky, und Maradas sitzen. Rechts und links davon, mehr nach hinten zu noch zwey andere Tafeln, welche jede mit sechs Gästen besetzt sind. Vorwärts steht der Credenztisch, die ganze vordere Bühne bleibt für die aufwartenden Pagen und Bedienten frey. Alles ist in Bewegung, Spielleute und Terskys Regiment ziehen über den Schauplatz um die Tafel herum. Noch ehe sie sich ganz entfernt haben, erscheint Max Piccolomini, ihm kommt Terzky mit einer Schrift, Isolani mit einem Pokal entgegen. Beide haben die Servietten vor.“

2. Sehen, wie Schiller Personen im Raum arrangiert

 

Hier entwirft Schiller den Beginn des vierten Akts der „Piccolomini“ durch eine ausführliche Raumbeschreibung, in die er zuerst Figuren setzt und dann welche hinzukommen und weggehen lässt.

In der Überarbeitung nimmt er der Bühne, die den Blick auf einen im Unendlichen liegenden Fluchtpunkt sowie auf eine eindeutige Leerstelle (den leeren elften Stuhl an der vorderen Tafel) lenkt, ihre Geometrie. Die einzige Symmetrie bleibt am Schluss und hat einen komischen Effekt: „[…] erscheint Max Piccolomini, ihm kommt Terzky mit einer Schrift, Isolani mit einem Pokal entgegen. Beide haben die Servietten vor.“

In der Endfassung verzichtete Schiller dann auch auf diese letzte, komische Symmetrie und strich die Servietten. „Alles ist in Bewegung“, nichts passt (mehr) zueinander.

Foto: DLA Marbach

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Zwei weitere Beispiele für „bleibt“-Korrekturen:

Fotos: DLA Marbach

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Was hier so kräftig bearbeitet wird, ist diese Szene (ohne Streichungen wiedergegeben):

An der zweiten Tafel (wird gerufen):
Der Fürst Der Fürst; Der Prinz; Das Haus von Weimar!

An der dritten und vierten ersten und dritten Tafel:
Fürst Wilhelm! Herzog Bernhard lebe! (Musik fällt ein)

Erster Bedienter:
Hört! Hört den Tumult!

Zweiter Bedienter (kommt gelaufen):
Habt ihr gehört? Sie lassen Den Weimar Weimarischen leben!

Dritter Bedienter:
Oestreichs Feind! Oestreichs Feind; Den General; den Schwedischen Feldhauptmann! Erster

Erster Vierter Bedienter (zugleich):
Den Lutheraner!

Zweiter Bedienter:

Vorhin da bracht der Deodat des Kaisers
Gesundheit aus, da bliebs ganz mäuschenstille.

3. Sehen, wie Schiller seine Texte einer Art ,Negativtest' unterzieht

 

Den Text der „Piccolomini“, den Schiller seinem Schreiber schon zum Abschreiben gegeben hatte, korrigiert Schiller noch einmal kräftig, wobei er öfters auch zurückkorrigiert: „bleibt“.

Vieles, was am Ende da steht, hat Schiller auf diese Weise geprüft: Was passiert, wenn man es weglässt? Was gewinnt man, wenn es doch wieder dazu kommt?

Foto: DLA Marbach

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Schiller folgt dem „Muster“, das in der Tradition des Aristoteles für Tragödien skizziert worden ist – mit fünf Akten und deren entsprechenden Funktionen: 1. Exposition, 2. Komplikation, 3. Peripetie, 4. Retardation und 5. Katastrophe.

II. Schritt. Der Knoten verwikelter.
A. Karlos Liebe nimmt zu – Ursachen:
1. Die Hinderniße selbst.
2. Gegenliebe der Königin, diese äußert sich, motivirt sich:
a. Aus Ihrem zärtlichen Herzen dem ein Gegenstand mangelt. Philipps Alter, Disharmonie mit ihrer Empfindung. Zwang ihres Standes.
b. Aus ihrer anfänglichen Bestimmung und Neigung für den Prinzen.  Sie nährt diese angenehme Erinnerungen gern.
c. Aus ihren Äußerungen in Gegenwart des Prinzen. Inneres Leiden. Furchtsamkeit. Antheil. Verwirrung.
d. Einer mehr als zu erwartenden Kälte gegen Dom Juan, der ihr einige Liebe zeigt.
e. Einigen Funken von Eifersucht über Karlos Vertrauen zu der Prinzeßin von Eboli.
f. Einigen Äußerungen in geheim.
g. Einem Gespräch mit dem Marquis.
h. Einer Szene mit Karlos.

B. Die Hinderniße und Gefahren wachsen. Dieses erfährt man
1. Aus dem Ehrgeiz der Rachsucht des verschmähten Dom Juan.
2. – einigen Entdekungen die die Prinzeßin v. Eboli macht.
3. – ihrem Einverständniß mit jenem.
4. – der immer wachsenden Furcht und Erbitterung der Grandes, die vom Prinzen bedroht und beleidigt werden. Complott derselben.
5. Aus des Königs Unwillen über seinen Sohn, und Bestellung der Spionen. 

III. Schritt. Anscheinende Auflösung, die den Knoten noch mehr verwikelt.
A. Die Gefahren fangen an auszubrechen.
1. Der König bekömmt einen Wink, und geräth in die heftigste Eifersucht.
2. Dom Karlos erbittert den König noch mehr.
3. Die Königin scheint den Verdacht zu rechtfertigen.
4. Alles vereinigt sich den Prinzen und die Königin strafbar zu machen.
5. Der König beschließt seines Sohnes Verderben.
B. Der Prinz scheint allen Gefahren zu entrinnen.
1. Sein Heldensinn erwacht wieder und fängt an über seine Liebe zu siegen.
2. Der Marquis wälzt den Verdacht auf sich, und verwirret den Knoten aufs neue.

4. Sehen, was buchstäblich hinter dem „Don Carlos" ,steckt'

 

Schiller hat, so erzählt sein Jugendfreund Andreas Streicher, für alle seine Dramen genaue, minutiöse Handlungsschemata entworfen. Der sogenannte „Bauerbacher Plan“ für den „Don Carlos“ (entstanden im April 1783 im thüringischen Bauerbach, daher der Name) ist dafür ein schönes und zugleich doppelbödiges Beispiel.

Schiller plante den „Don Carlos“ als systemkritisches Stück: „ich [will] es mir in diesem Schauspiel zur Pflicht machen, in Darstellung der Inquisition, die prostituirte Menschheit zu rächen, und ihre Schandflecken fürchterlich an den Pranger zu stellen“.

Der Entwurf selbst allerdings verschweigt diese Dimension: „Der Prinz liebt die Königin“. Das ist das Stichwort für ein Liebes- und Eifersuchtsdrama und nicht für eine politisch-revolutionäre Freiheitstragödie.

Der Grund dafür: Schiller wollte mit dem Plan für sich und sein Stück werben. Er gab ihn seinem Schwager Reinwald, damit dieser am Theater in Weimar für ihn vorspricht. Mit dem klassizistischen Fünf-Akte-Schema und der Familientragödie glaubte er dem Geschmack möglicher Förderer entgegenzukommen. Das Verknoten der Handlung mit einer privaten psychologischen Geschichte nahm zum Schein die brisante politische Dimension.

Foto: DLA Marbach

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Ursprünglich ein Blatt:

Milch der Gletscher.
Rodannbrunn
Runs, Spalt wo was rinnt.
Der Gletscher schmilzt ewig und zerschmilzt nie.
Weiße Berglilien u[nd] purpurfarbene Alprosen.
Alpen u[nd] Schneeberge verglichen mit einer diamantenen
Krone – Glas – grünblauschimmernd.
Gletscher haben parallele Strata wie die Jahre der Bäume

und

Milchweißes Firnwasser ist das kräftigste.
Grat, zacken, spitze.
Wirth und Gast zugleich
Bergfirsten d.i. höchste Bergkuppen.
Es wird frühe Morgen auf den Bergfirsten.
Berge sind Erdwogen.
Hinter dem Beiswind (Nordwind)
Komlichkeit

5. Sehen, wie Schiller ,Welt' erfindet

 

Schillers handschriftliche Notizen waren nach seinem Tod als Souvenirs so beliebt, dass die Witwe und die Kinder sie auseinandergeschnitten haben. Hans Christian Andersen, der dänische Märchendichter, hat diesen Vorgang beschrieben: „stellen Sie sich vor, die alte Frau Wolzogen schnitt ein Stück aus Schillers Manuskript zum ‚Wilhelm Tell‘, damit ich seine Handschrift haben könnte.“ Auch zahlreiche Fälschungen wurden in Umlauf gesetzt, die bekanntesten von Heinrich von Gerstenbergk.

Manchmal gelingt es, die Teile wieder zusammenzusetzen. So wie hier bei diesem vermutlich von Schillers Sohn Karl zerlegten Blatt aus der Materialsammlung zu „Wilhelm Tell“.

Da Schiller nie in der Schweiz gewesen war, sammelte er Stichwörter aus Büchern (vor allem aus Johann Jacob Scheuchzers „Beschreibung der Natur-Geschichten Des Schweizerlands“, 1706–08) und baute aus ihnen eine individuell wahrgenommene ,Welt‘, in der Äußerlichkeiten wie das „milchweiße Firnwasser“ durch die Figuren evoziert werden.

Im 2. Akt, 2. Szene zum Beispiel legt Schiller Melchthal zwei Wörter aus seiner Stichwortsammlung in den Mund: „Den Durst mir stillend mit der Gletscher Milch, / Die in den Runsen schäumend niederquillt.“.

Foto: DLA Marbach

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Zu den „Maltesern“ existieren im Deutschen Literaturarchiv und im Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv zahlreiche Schnipsel. Neugierige können alle Puzzlestücke, die im Deutschen Literaturarchiv liegen, ausdrucken und ausschneiden und – vielleicht – zum Teil zusammensetzen. Ein großes digitales Puzzle zusammen mit dem Goethe- und Schiller-Archiv ist in Planung.

6. Sehen, wie Schiller ins Schreiben kam

 

Die erhaltenen, oft zerschnittenen und beglaubigten („dies ist des unsterblichen Schillers Handschrift“) Vorarbeiten für das geplante Drama „Die Malteser“ geben eine Vorstellung davon, wie Schiller sich einen Stoff aneignete und versuchte ins Schreiben zu kommen.

Für das Drama über den Widerstand der Ordensritter von Malta gegen die osmanischen Belagerer notierte er sich immer wieder Eigennamen wie „Bertrande de Taxis“ und „Jacques de Milly“, Gliederungen, einzelne Handlungsstücke, mögliche Stilelemente und inhaltlich-philosophische Motive wie dieses:  „21. Ein Chor von idealistischem, ein andrer von Realistischem Innhalt. Die Macht und Herrschaft des Gedankens“.

Aufzählen und Durchzählen sind elementare Bestandteile von Schillers Arbeit für einen Text.

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