Menü
schließen
8

Wunderblock

Auf ihm kann man mit einem Griffel schreiben oder zeichnen und nahezu spurlos wieder löschen: der Wunderblock. Berühmt wurde die Folie, die man auf eine Wachstafel drücken und dann auch wieder mechanisch von ihr lösen kann, durch Sigmund Freud: „Er ist in unbegrenzter Weise aufnahmefähig für immer neue Wahrnehmungen und schafft doch dauerhafte – wenn auch nicht unveränderliche – Erinnerungsspuren von ihnen.“

Wenn man auf einen Wunderblock schreiben oder zeichnen würde, für welche Werte Schiller steht und was seine Texte in uns auslösen: Was würde da stehen? Was würden wir löschen? Was bliebe als Spur?

 

 

Foto: DLA Marbach

Spur 1: Die Welt in ihren Extremen begreifen

ausgewählt von Heike Gfrereis:

„Der Lehrplan der Karlsschule war so angelegt, dass die Schüler umfassend gebildet wurden – sie lernten nicht nur Französisch und Mathematik, sondern auch Fechten und Zeichnen. Die Haltung, in der Schiller im August 1777 mit dem Rötelstift seine linke Faust gezeichnet hat, muss unbequem gewesen sein, weil er den linken Arm so steil gestellt und den Zeigefinger so weit angezogen hat. Dazu dann noch mit der rechten Körperhälfte zeichnen!

Zumindest für mich ist diese Haltung sehr anstrengend, sodass es mich nicht wundert, dass die Zeichnung selbst so ungelenk ist. Sie muss ihren Urheber zumindest auf Zeit dazu gebracht haben, zwei gegeneinander arbeitende Teile des Oberkörpers miteinander zu koordinieren.

Ob die ungeschickte Zeichnung, in der so viel Bewegung und Spannung steckt, tatsächlich von Schiller ist? Sie passt für mich auf alle Fälle gut zu einem Schriftsteller, der in seinen Dramen die Schauspieler:innen andauernd zu extremen Gefühls- und Körperbewegungen drängt. Als gelte es, bei allem, was man tut, auf Biegen und Brechen die Welt in ihren Extremen zu begreifen. Wobei bei diesem Begreifen das begriffliche Zugreifen oft über das sinnliche Anfassen dominiert.

Schiller begreifen funktioniert vor allem in der Phantasie. Das scheint mir ein Kernpunkt seiner gesellschaftspolitischen Ästhetik: Frei und doch Teil eines sozialen Systems zu sein – das lernen wir, indem wir uns mit den Gegensätzen arrangieren, die uns selbst bestimmen. Dabei hilft die Kunst, mit der wir die freien Wege der Phantasie in eine (immerhin manchmal schöne) Form bringen.“

„The real story“ von Julian Mahid Carly

„Neuartige Simulationen erlauben es, literarische Figuren zu echtem Leben zu erwecken. Ich habe einige dieser Avatare befragt, wie gut sie sich durch ihre Auftritte in Schillers Dramen repräsentiert fühlen. Die Antworten sind mehr oder weniger überraschend.“ (PDF)

Amalia:

„Während sich Karl und Franz um mich streiten und irgendwelche hochtrabenden individuellen und gesellschaftlichen Konflikte auf rücksichtslose Weise verhandeln, hat mein Autor leider vergessen, mir irgendwelche Eigenschaften außer hübsch, begehrenswert, objektifiziert, machtlos und tot zuzuschreiben. Aber ich kann Schiller verstehen, ich war halt auch ziemlich beschäftigt und abwesend, als er mich geschrieben hat. Ich musste selbst eine komplizierte Dreiecksbeziehung mit einer Beiköchin und einer Pferdemagd managen und hab nebenbei noch die Finanzverwaltung des Fürstentums restrukturiert, damit die Armen weniger Steuern zahlen müssen. Steht leider nirgendwo, aber jetzt ist es Kanon. Liebe Grüße, Amalia.“

Franz:

„Heyhey, ich bin’s, Franz. Friedrich hat mich auch nicht so ganz verstanden. Ich wollte gar nicht mit Amalia anbandeln und auf gar keinen Fall übergriffig sein. Wir haben uns mal gestritten, weil sie mir mein Rouge geklaut hat, aber der Konflikt war auch schnell beigelegt. Meinen Bruder mag ich tatsächlich nicht, ich meine, wer mag den schon? Ziemlich nerviger Cishet, der sich total selbst überschätzt, und ganz ehrlich, ich finde wirklich, dass unser Familienname nicht mit Kokainkonsum, Langzeitstudiengebühren und der unverantwortlichen Verbreitung diverser Geschlechtskrankheiten in Verbindung gebracht werden sollte. Ach und noch was, ich finde die Augen, Münder und Nasen von allen unterschiedlichen Menschen überall auf der Welt gorgeous. Da hat das Genie echt einfach ein paar seiner eigenen rassistischen Probleme auf mich projiziert.“

Karl:

„Hello, hello, hello. Find‘ unseren Autor auch ein bisschen outdated und nicht ganz auf der Höhe. Aber mich hat er schon ganz gut getroffen. Ist halt echt sehr schwierig, wenn man verliebt ist und gleichzeitig noch die Welt retten will. Period. Amalia?
No, Spiegelberg war mein Crush. Die hieß bloß nicht Moritz, sondern Moira. Friedrich wollte glaub‘ ich, dass wir ’ne komplette Männerbande sind, damit man nicht zu viele Schauspielerinnen braucht oder so. Aber es hat dann politisch zwischen uns, also mir und Moira Spiegelberg, nicht mehr so funktioniert. Ich bin da dann schon auch irgendwie konsequent. Warum Schiller dem Ganzen dann noch so antisemitische Untertöne geben musste, kein Plan literally, auf jeden Fall sehr unnötig. Uff.“

Elisabeth:

„Dieser kontinentale Waschlappen. Der hat echt geglaubt, ich war eifersüchtig auf Maria und dass ich sie wirklich habe köpfen lassen… Törichter Wicht, euer Schiller. Maria und ich waren Besties und haben freitags immer mit den Hofbediensteten in den Kellergewölben Raves gefeiert, mit reichlich Poppers und so, ach die guten alten Zeiten… Dieses ganze Kerkerding war nur eine Ablenkung für das Volk und die ganzen religiösen Fanatiker:innen, die uns beide lebendig nicht ertragen konnten. Und bei der Hinrichtung haben wir dann einfach eine Frau geköpft, die Maria ähnlich sah. Wie bitte, problematisch? Ja, würde ich heutzutage auch anders machen, aber waren halt schon andere Zeiten damals.“

Maria:

„Elisabeth hat Recht, Schiller hat vieles nicht so ganz kapiert – wie sollte er auch, mit dem Ärmelkanal zwischen uns und seinem Genius. Sprachlich ist es andererseits schon ganz cool. Was würd‘ ich dafür geben, wenn ich im Alltag einfach so raushauen könnte, wie der lustige Schwabe da schreibt. Naja und ich bin nach wie vor ein bisschen verwirrt darüber, dass er das Stück nach mir benannt hat, obwohl Elisabeth ja eigentlich heftiger slayed. Im wörtlichen Sinne.“

Wallenstein:

„Okokok. Omg. Nichts, gar nichts stimmt. Ich war eine präsozialistische Guerillakämpfer:in für eine kleine böhmische Kommune und hatte definitiv nichts mit irgendeiner Religion am Hut. Ich bin irgendwie zwischen die Schlachtparteien geraten und weil ich einfach so crazy Combat Moves drauf hab, waren die halt mega beeindruckt und haben versucht, mich anzuwerben. Hat aber nicht geklappt. Ich bin dann wieder abgetaucht und war später Ghostwriter:in für Marx „Kapital“. Dialektik diggi.“

Wilhelm:

„Ich find’s klasse, wie er es alles aufgeschrieben hat. Hab‘ mich insgesamt sehr gesehen gefühlt. Nur der Apfel war eigentlich eine Birne, deswegen war es auch doppelt schwierig, weil die ständig vom Kopf runtergeeiert ist. Und die hohle Gasse ist gar nicht so hohl, aber ansonsten spitze, der Schiller.“

Schreibe einen Kommentar