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#StepOne: Dinge

Im ersten Schritt des Ausstellungsprojekts haben wir politisch, ethisch und künstlerisch fragwürdige Afrika-Erzählungen aus der deutschsprachigen Literaturgeschichte seit der Kolonialzeit in den Fokus gestellt und in den Beständen des Deutschen Literaturarchivs recherchiert.

zur vollständigen Dokumentation

 

 

Foto: DLA Marbach

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35. Kapitel.
1. Effi trifft in Hohen-Cremmen ein.
2. Instetten avancirt, Wüllersdorf kommt, ihm zu gratulieren. Zwiegespräch.

36. Kapitel.
1. Effis Gesundheitszustand. Rollo trifft ein.
2. Krankheit. Gespräch zwischen Mutter & Tochter.
3. Effis Tod.
4. Gespräch zwischen Briest & Frau. „… ach Luise, das ist ein weites Feld“.

1895: Entwurf von Theodor Fontane (1819–1897) für seinen Roman "Effi Briest", der 1895 im selben Verlag – dem seines Sohnes Friedrich – wie Frieda von Bülows Roman "Tropenkoller" erschienen ist

 

Schon 1889 hat Fontane die beiden letzten Roman-Kapitel skizziert. Im ausgearbeiteten 35. Kapitel unterhält sich Geert von Innstetten (der prinzipientreue Ehegatte, der Jahre nach dem Seitensprung seiner Frau deren Liebhaber im Duell erschossen hat) mit seinem Freund Wüllersdorf über den Traum vom Auswandern: „weg von hier, weg und hin unter lauter pechschwarze Kerle, die von Kultur und Ehre nichts wissen. Diese Glücklichen! Denn gerade das, dieser ganze Krimskrams ist doch an allem schuld.“

Wüllersdorf enttarnt in seiner Antwort „Afrika“ als sozialpolitisches Ventil: „Ach was, Innstetten, das sind Launen, Einfälle. Quer durch Afrika, was soll das heißen? Das ist für ’nen Leutnant, der Schulden hat. Aber ein Mann wie Sie! […] Es ist Torheit mit dem Im-Urwald-Umherkriechen oder In-einem-Termitenhügel-Nächtigen; wer’s mag, der mag es, aber für unserem ist es nichts. In der Bresche stehen und aushalten, bis man fällt, das ist das beste. Vorher aber im kleinen und kleinsten so viel herausschlagen wie möglich und ein Auge dafür haben, wenn die Veilchen blühen […] es geht überhaupt nicht ohne ‚Hilfskonstruktionen‘.“

Foto: DLA Marbach

1897: Foto, das Frieda von Bülow (1857–1909) vor einem Gartenpavillon in Wolfratshausen im Isartal zeigt

 

Aus dem Pavillon heraus schauen (v.l.n.r.): Rainer Maria Rilke, August Endell und Lou Andreas-Salomé, rechts außen steht der russische Literatur- und Kunstwissenschaftler Akim Volinskij.

Frieda von Bülow hat mir ihrem Roman „Tropenkoller“ (mehr) den ersten deutschsprachigen Kolonialbestseller geschrieben. Die Hauptfigur Eva ist ihr Alter Ego: 1884 gründete sie den Frauenverein zur Krankenpflege in den Kolonien, 1886 den Deutschnationalen Frauenbund, zwischen 1885 und 1889 richtete sie in Sansibar und Deutsch-Ostafrika Krankenstationen ein, 1889 kehrte sie nach einer Malaria-Erkrankung zurück und begann zu schreiben („Reiseskizzen und Tagebuchblätter aus Deutsch-Ostafrika“, „Deutsch-Ostafrikanische Novellen“).

Mit ihrer Freundin Lou Andreas-Salomé reiste sie durch Europa, in Wien lernte sie Schnitzler und den jungen Hofmannsthal kennen, 1897 war sie dabei, als Lou in München dem jungen Rilke begegnete und sich die beiden ineinander verliebten.

Foto: DLA Marbach

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Vor den Seiten mit Zeichnungen steht ein Eintrag zu afrikanischen Flüssen:

1909: Taschenkalender der Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger mit einem Erdkunde-Aufsatz zu Afrika und einem blutig-abenteuerlichen Comicstrip

 

Ernst Jünger ist vierzehn, Fritz gerade elf geworden, als die beiden sich Kampfszenen unter Palmen ausdenken – zweidimensional gezeichnet und auf Linien gestellt wie die Bildsequenzen der Trajanssäule. Fritz hat die Namen afrikanischer Flüsse hineingeschrieben, Ernst nahm den Kalender mit zum Schüleraustausch nach Frankreich: „Fast zwei Wochen hier, schon mächtig Wein gesoffen“.

Angeregt hat die beiden die Literatur, unter anderem die Geschichten der Afrika-Entdecker Livingstone und Stanley. Im Fall von Afrika machte Ernst früh die Probe auf’s Exempel: 1913 verließ der 18-Jährige bei Nacht und Nebel das Elternhaus, um sich bis zur französischen Fremdenlegion nach Algerien durchzuschlagen.

Foto: DLA Marbach

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Weiter hinten in Erich Kästners Schulheft:

Foto: DLA Marbach

1912: Erdkunde-Schulheft von Erich Kästner (1899–1974) mit Zeichnungen des deutschen Kolonialreichs (Deutsch-Südwest- und Ost-Afrika, die Südseeinseln Palau und Upolu, die Salomonen und Kaiser-Wilhelm-Land)

 

Einige Seiten nach den Zeichnungen der deutschen Kolonien schrieb der 13-jährige Kästner seinen zweiten Vornamen ins Heft: Emil. 1929 wird dieser Emil Titelheld von Kästners erstem Kinderbuch. „Emil und die Detektive“ beginnt mit einem Anfang, der dem Erdkunde-Heft von 1912 entsprungen sein könnte:

„Euch kann ich’s ja ruhig sagen: Die Sache mit Emil kam mir selber unerwartet. Eigentlich hatte ich ein ganz anderes Buch schreiben wollen; ein Buch, in dem vor lauter Angst die Dschungeltiger mit den Zähnen und die Dattelpalmen mit den Kokosnüssen klappern sollten. Und das kleine schwarzweiß karierte Kannibalenmädchen, das quer über den Ozean marschierte, um sich bei Mister Drinkwater in Frisco eine Zahnbürste zu holen, sollte Petersilie heißen. Nur mit dem Vornamen natürlich. Einen richtigen Südseeroman hatte ich vor, weil mir mal jemand mit einem großen Umhängebart erzählt hatte, so was würdet ihr am liebsten lesen.“

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  • Heike Gfrereis: „20 Jahre nach ‚Emil und die Detektive‘, 1949, veröffentlicht Kästner seinen ersten Roman nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Handlung von ‚Die Konferenz der Tiere‘ ist in ein utopisches Afrika verlegt: Der Löwe Alois, der Elefant Oskar und die Giraffe Leopold schlagen Alarm. Die 86. internationale Konferenz der Menschen wurde aufgelöst, weil Regierungsvertreter es nicht geschafft haben, eine Lösung

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    Heike Gfrereis: „20 Jahre nach ‚Emil und die Detektive‘, 1949, veröffentlicht Kästner seinen ersten Roman nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Handlung von ‚Die Konferenz der Tiere‘ ist in ein utopisches Afrika verlegt: Der Löwe Alois, der Elefant Oskar und die Giraffe Leopold schlagen Alarm. Die 86. internationale Konferenz der Menschen wurde aufgelöst, weil Regierungsvertreter es nicht geschafft haben, eine Lösung für die von ihnen selbst verursachten Probleme (Kriege, Hungersnöte und Umweltzerstörung) zu finden. Löwe, Elefant und Giraffe beschließen, selbst die Initiative zu ergreifen. Sie laden alle Tiere rund um den Erdball inklusive aller Tiere aus den Bilderbüchern und ein Kind von jedem Kontinent zu einer eigenen Konferenz ein. Der Beschluss: Die Tiere organisieren unterschiedliche Angriffe auf die Besprechungen der Menschen, um sie zu einer Lösung zu zwingen. Erst als die Tiere alle Kinder entführen, unterzeichnen die Erwachsenen einen Friedensvertrag.“

Foto: DLA Marbach

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Kafkas Foltermaschine, die unleserliche Zeichen in den Körper ritzt und am Ende dem Opfer einen Stachel in den Kopf bohrt, gleicht dem Hinrichtungsbett, auf dem Raymond Roussel in seinen L’Impression afrique(Foto der Uraufführung unten 1912, Text 1910) das schwarze Mädchen Djizmé mit einer stacheligen Metallkappe und geerdeten Metallschuhen durch Blitzschlag den Bühnentod erdulden ließ. Vermutlich kannte Kafka auch Octave Mirbeaus Roman „Der Garten der Foltern“ („Le Jardin des supplices“, 1899, von Auguste Rodin 1902 illustriert), in dem ein Lebemann aus Paris flieht und mit einer jungen Engländerin nach China geht, die ihn in den „Garten der Qualen“ einführt, in dem Folter als eine Kunstform gepflegt wird

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Kafkas Erläuterung im Brief:

„Es sind 4 Pfähle, durch die zwei mittleren werden Stangen geschoben an denen die Hände des ‚Delinquenten‘ befestigt werden; durch die zwei äußern schiebt man Stangen für die Füße. Ist der Mann so befestigt, werden die Stangen langsam weiter hinausgeschoben, bis der Mann in der Mitte zerreißt. An der Säule lehnt der Erfinder und tut mit übereinandergeschlagenen Armen und Beinen sehr groß, so als ob das Ganze eine Originalerfindung wäre, während er es doch nur dem Fleischhauer abgeschaut hat, der das ausgeweidete Schwein vor seinem Laden ausspannt.“

1920: Aus der Strafkolonie? Folterszene, die Franz Kafka im Sommer an Milena Jesenská schickte

 

Die Szene erinnert an eine andere von Kafka. In der 1919 veröffentlichten Erzählung „In der Strafkolonie“ richtet sich ein Offizier mit seinem ausgeklügelten System selbst hin: „kein Zeichen der versprochenen Erlösung war zu entdecken; was alle anderen in der Maschine gefunden hatten, der Offizier fand es nicht; die Lippen waren fest zusammengedrückt, die Augen waren offen, hatten den Ausdruck des Lebens, der Blick war ruhig und überzeugt, durch die Stirn ging die Spitze des großen eisernen Stachel.“

Kafkas Strafkolonie gehört zu keinem bestimmten Kontinent, „Afrika“ taucht bei ihm jedoch immer wieder auf. Sein Onkel Josef Löwy etwa arbeitete für die spanische Eisenbahngesellschaft unter anderem im Kongo, wo er später eine Kolonialgesellschaft mit Karawanen gründete – Auslöser für die Erzählung „Erinnerung an die Kaldabahn“ und eine Oktavheft-Notiz: „Es war kein heiteres Leben, das ich damals beim Bahnbau am mittleren Kongo führte.“

Foto: DLA Marbach

Ohne Datum: "Einst und jetzt" von Paul Graetz

 

Das Gedicht zeigt bereits in der Oberflächenstruktur die Intention auf, zwei vermeintliche Realitäten miteinander zu vergleichen: Zwei sich gegenüberliegende Spalten eröffnen die Bilder eines alten und modernen „Afrikas“ und bedienen jeweils inflationär Stereotypen.

Das Typoskript findet sich im Nachlass des NS-Bestseller-Autors Hans Grimm. Graetz wurde für seine Afrika-Durchquerungen mit dem Auto (1907–1909) berühmt. Eine zweite Expedition von Mosambik über den Kongo zum Atlantik mit dem Motorboot scheiterte.

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  • Heike Gfrereis: Noch heute wird mit dem „deutschen Indiana Jones“ Paul Graetz für Namibiareisen geworben – bis in den Schreibstil hinein wiederholen sich dabei die Stereotypen von damals. Am 2.7.2008 berichtet z.B. „Der Spiegel“ über „Kintopp mit Krokodilen“: „Hunderte Fotos hat der mobile Abenteurer geschossen, um seine gefährliche Urwaldfahrt zu dokumentieren. Hernach schrieb er einen packenden Reisebericht und ließ kostbare

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    Heike Gfrereis: Noch heute wird mit dem „deutschen Indiana Jones“ Paul Graetz für Namibiareisen geworben – bis in den Schreibstil hinein wiederholen sich dabei die Stereotypen von damals. Am 2.7.2008 berichtet z.B. „Der Spiegel“ über „Kintopp mit Krokodilen“: „Hunderte Fotos hat der mobile Abenteurer geschossen, um seine gefährliche Urwaldfahrt zu dokumentieren. Hernach schrieb er einen packenden Reisebericht und ließ kostbare handkolorierte Glasplatten-Dias fertigen, mit denen er wie ein Medienstar durch Europa tourte. Im Berliner Hotel Adlon besaß Graetz eine Dauersuite.“ Wie erzwingen bestimmte Gattungen und Medien Stereotypen, wie widersteht man innerhalb der Systeme diesem Zwang?

Foto: DLA Marbach

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„Der Schimpanse des Spitals sendet Herrn Wolfskehl, dem er nichts übelnimmt, beste Grüße“.

Auf der Textseite bedankt sich Schweitzer bei Wolfskehl, der den afrikanischen Elefanten als Wappentier gewählt hat, für dessen Schöpfungsgedicht „Die Menschwerdung“: „Es nimmt sich Ihr Gedicht besonders lebendig aus, wenn man inmitten zahmer, frei ums Haus herumlaufender Affen lebt, wie wir hier. Ach, das Affenherz ist so etwas Vielgestaltiges! Da hat man nie ausgelernt. Hier ist mein Schimpanse, der mit auf die Sandbank geht, Sand für den Cement der Bauten zu holen! – Hier geht alles gut – aber viel Arbeit und Hitze!“

1931: Fotopostkarte, die Albert Schweitzer am 4. April 1931 aus Lambaréne an Karl Wolfskehl schickte

 

Schweitzer schreibt über den Abgrund jeglicher Mensch-Tier-Analogien hinweg, die wenig später in der Nazipropagandaschrift Johann von Leers’ „Und Juden sehen Dich an“ (1934) in Anspielung auf Paul Eippers Erfolgsbuch „Und Tiere sehen Dich“ an (1929) ideologisch genutzt werden. Er spricht mit seinem Tiere und gibt ihnen ironische Namen – einer der Schimpansen heißt wie bei Wilhelm Busch „Fips“, die Pelikane „Tristan“ und „Parsifal“, die Antilopen „Erika“ und „Leonie“, die Wildschweine „Thelma“ und „Isabella“.

Foto: DLA Marbach

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1932 inszeniert ein Schaufensterwettbewerb in Buchhandlungen den suggerierten „Lebensraums“ des Romans für eine besondere Zielgruppe: “Das große Schicksalsbuch des deutschen Volkes ist für jeden Konfirmanden das wertvollste Geschenk, der würdigste Begleiter auf seinem Lebensweg“. Die Teilnahmebedingungen: „Auszustellen sind sämtliche bisher von Hans Grimm erschienenen Bücher und Schriften, einschl. der neuen zweibändigen Halbleder-Ausgabe von „Volk ohne Raum“ mit dem vom Dichter handschriftlich unterzeichneten Bildnis. Das Hauptgewicht ist zu legen auf ein besonders wirkungsvolles Hervorheben der billigen „Volk ohne Raum“Ausgabe. […] Das Sonderfenster muß mindestens 10 Tage stehen. Es darf nur Bücher von Hans Grimm enthalten.“ Der erste Preis ist mit 500 Mark dotiert, der Trostpreis „für jeden Teilnehmer, der die Bedingungen des Wettbewerbs erfüllt hat, aber keinen Preis erhalten konnte, ein Exemplar der billigen Ausgabe von „Volk ohne Raum“. 

Hans Grimm Schaufensterwerbung

1926: Umschlag von Hans Grimms Roman "Volk ohne Raum"

 

Grimms Roman verband nach dem Ende der deutschen Kolonialzeit nationalistische, rassistische und koloniale Erzählungen und versprach Bauern und Arbeitern einen Ausweg aus Armut, Schmutz und Enge: Das „Afrika“ des Romans ist riesig. ‚Volk ohne Raum‘ wurde unter den Nationalsozialisten Schullektüre.

Foto: DLA Marbach

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Zwei weitere Fotos aus dem Nachlass von Hans Grimm:

1910: Fotos aus dem Nachlass von Hans Grimm (1875-1959), unter anderem vor der Gedenksäule, die an den Gardeoffizier Friedrich von Erckert erinnert, der 1908 am Rand der Kalahari-Wüste fiel

 

Als der Bestseller- und Lieblingsautor von Adolf Hitler 1959 starb, schrieb „Der Spiegel“: „Nein, die Abiturienten des Jahres 1959 müssen nicht mehr in steifem Sütterlin nachweisen, daß der Zug des Hauptmanns Friedrich von Erckert gegen die Hottentotten im Jahre 1908 eine deutsche Notwendigkeit gewesen sei […], damit nämlich die Deutschen herauskönnten aus der Enge und der ,Gedrängtheit, wo jeder dem andern zornig und zankend auf den Teller sieht und wo reinliche Abenteurer Schurken wurden.“

Nach einer kaufmännischen Ausbildung in London zog Grimm 1901 nach Südafrika, damals unter britischer Besetzung, kehrte 1908 nach Deutschland zurück, um 1910 im Auftrag der „Täglichen Rundschau“ nach Deutsch-Südwestafrika zu reisen und aus dem Land zu berichten. Während des Ersten Weltkriegs arbeitete er als Militärpropagandist. In den 1920er Jahren besuchte er Südwestafrika erneut und veröffentlichte 1926 mit „Volk ohne Raum“ eines der meistverkauftesten Bücher der Weimarer Republik und den Leittext für die nationalsozialistische „Lebensraum“-Politik.

Die Fotos aus seinem Nachlass inszenieren einen Blick in den meist weiten Landschaftsraum und loten ihn mit hierarchischen Sichtachsen aus: Zu den Weißen wird in der Regel aufgeschaut, zu den Schwarzen hinunter; sie sind an den Rand oder in den Bereich der Unschärfe verbannt. Auffällig ist der Kontrast zwischen vermeintlicher europäischer Zivilisation und afrikanischer Wildnis: Fliege, Krawatte, Schnurrbart, gescheitelte Haare, Brille, Koffer, Auto und Hosenträger.

Ausgerechnet vor der Gedenksäulen-Aufnahme klebt eine Spinne auf dem Fotoglas.

1945: Blatt mit Zeichnungen und dem Gedicht „Der dankbare Gärtner“ (entstanden im Juli 1945), das Franz Baerman Steiner (1909-52) in eine Materialsammlung für seine Doktorarbeit über afrikanische Sklaverei eingelegt hat

 

Der mit H.G. Adler und Elias Canetti befreundete Franz Baermann Steiner studierte seit 1938 Ethnologie bei Bronislaw Malinowski und A. R. Radcliffe-Brown am Madelen-College in Oxford, war seit 1939 Mitarbeiter des Afrika-Instituts und arbeitetet an einer Dissertation „Eine vergleichende Studie über die Soziologie der Sklaverei“, deren nahezu abgeschlossenes Manuskript er 1942 im Zug verlor, so dass er damit von neuem begann. Im selben Jahr erfuhr er, dass seine Eltern in Theresienstadt umgekommen waren.

Parallel zu seiner Doktorarbeit schrieb er zahlreiche Gedichte und zieht Parallelen zwischen der Sklaverei und dem Holocaust. Der dankbare Gärtner hört erst damit auf, einen alten Baum zu fällen, als ihn die darin wohnenden Bienen stechen und Honig versprechen – Angst vor Schmerz und Eigennutz, nicht Achtung vor oder gar Liebe zur Natur sind sein Antrieb.

„Der dämonische Bereich ist innerhalb der Gesellschaft“, schrieb Steiner in seiner Studie „Über den Prozess der Zivilisierung“, die sich wie ein Kommentar zu dem Ornament aus maskenhaften Gesichtern liest, die er um das Gedicht herum zeichnet:

„Wird jemand, der in einem Konzentrationslager gewesen ist, glauben, reißende Tiere seien ärger als die menschlichen Peiniger? Und diese Qual ist neu: dieses Fangen von Menschenmassen in dichtmaschigen Netzen, dieses Bauen von Riesenkäfigen, an denen das ‚gesunde‘ Leben vorbeiflutet. Es ist dämonischer als die Qualen der Sklaverei, gräßlicher sogar, als „was es früher gab: die Religionskriege der europäischen Christenheit. Denn die Gefangenen wissen nicht, warum sie gefangen wurden, ihre Wächter nicht, warum sie martern sollen – und die draußen – ach, was wissen sie? […] Der Zivilisierungsprozeß ist die Eroberung des Menschen durch die Naturkräfte, die Dämonen.“

Foto: DLA Marbach

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Norbert Elias in Ghana: Fotos aus dem Nachlass

 

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Fotos von einer Ausstellung mit afrikanischer Plastik aus der Sammlung von Elias 1970 in Leicester Sammlung (aufgenommen von Gisèle Freund)

1964: Moderne, als Souvenir angefertigte Dekorations-Maske im Stil der „Kpelie“-Masken der Senufo aus der Sammlung von Norbert Elias

 

1962 reiste der 65-jährige Soziologe Elias nach Ghana, wo er bis 1964 eine Gastprofessur innehatte und begann, afrikanische Plastiken zu sammeln, die als Souvenirs hergestellt wurden und die er 1970 ausstellte.

Elias, der 1943/35 eine Spielzeugfabrik besaß, die unter anderem Holzelefanten auf Rädern herstellte und 1939 im englischen Exil seine Doktorarbeit „Über den Prozeß der Zivilisation“ in der Schweiz veröffentlichen konnte, reizte die Ähnlichkeit dieser Masken zur modernen europäischen Kunst und zugleich ihr großer funktionaler Unterschied – sie stehen am Übergang von Kult in Kitsch.

Die Maske der Senufo aus Mali etwa wurde ursprünglich bei Initiations- und Begräbnistänzen eingesetzt: „But it is also possible to look at this shapes and patterns for a while without asking what their purpose is and allow them to speak directly to one’s own imagination. Then one may become aware that they communicate something to those who look at them, that they convey some unspoken message even though it is perhaps difficult to put it into words. […] Traditional African art reflects the fact that in its society dream and reality flow more easily into each other. The spirits are alive, they may take possession of one of the masks you see here and cure or threaten, punish or reward.“

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