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Therese Hubers Briefe

 

In Bearbeitung von Dorinne Schnabel

 

Text 1

 

Ein Objekt, das sofort meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, ist der Briefwechsel zwischen den Schriftstellerinnen Therese Huber und Helmina von Chézy, aber warum ist das so? Ist es denn so ungewöhnlich, dass sich zwei Frauen und noch dazu zwei Schriftstellerinnen in Briefen miteinander austauschen? Wenn man sich die Zeit, in der sie gelebt haben, ansieht und überlegt, dass Frauen zu dieser Zeit kein Mitbestimmungsrecht, weder politisch noch über ihr eigenes Leben hatten, dann fragt man sich eher, worüber sie nicht geschrieben haben, wenn es doch ihr einziger Weg war, ihren Gedanken freien Lauf zu lassen? Haben sie sich nur über den neusten Klatsch und Tratsch der Gesellschaft ausgetauscht oder haben sie über Probleme der Frauen in der Gesellschaft in Form eines Sokratischen Dialogs philosophiert? Aufschluss über den Gegenstand des Briefwechsels gibt zunächst nur das Zitat „Kommen Sie, wir wollen mal Hausmutterles spielen“, doch wie ist das gemeint? Hat Therese Huber diese Worte eher humorvoll-aufmunternd gesprochen oder resignierend, weil es keinen Sinn hat, gegen gesellschaftliche Strukturen anzukämpfen? Oder wollten sich Therese Huber und Helmina von Chézy nur einem Gedankenspiel hingeben, welche Frauen sie geworden wären, wenn sie sich ausschließlich für die Familie entschieden hätten? Gerade der Begriff „Hausmutterles“ wirkt für mein heutiges Verständnis eher abwertend auf mich, wenn es wahrscheinlich auch nur ein altdeutsches Wort ist, aber vielleicht wollte Therese Huber auch genau eine solche Abwertung ausdrücken? Generell scheint mir die damaligen Berufsmöglichkeiten der Frauen ein zentrales Anliegen und Thema in den Briefwechseln der beiden Schriftstellerinnen zu sein und ich frage mich, zu welchen Erkenntnissen sie bei diesem Austausch gekommen sind. Sind sie beide derselben Meinung oder unterscheiden sich ihre Ansichten aufgrund der unterschiedlichen Erfahrungen in ihrem bisherigen (Berufs-) Leben? Oder kritisieren sie nur die Ungerechtigkeit, dass Männer eine Schule besuchen und einen Beruf ergreifen dürfen und Frauen schon als junge Mädchen nur auf das Eheleben vorbereitet werden? Haben sie vielleicht konkrete Ideen oder sehen sie Möglichkeiten, wie das gesellschaftliche Leben der Frauen verbessert werden kann? Oder lästern sie nur über Berufskollegen, die nach ihrer Meinung Schande über ihren Berufsstand bringen? Haben sie sich vielleicht gegenseitig unterstützt? Da beide ein für die damaligen Verhältnisse ungewöhnliches Leben gewählt haben, könnten sie sich gegenseitig Mut zugesprochen haben, an ihren Träumen festzuhalten und sich nicht von gegenteiligen Meinungen abbringen zu lassen? Vielleicht haben sie sich auch Tipps gegeben und so gefördert? Oder haben sie ihre Texte mitgeschickt und  nach Verbesserungsvorschlägen gefragt? Unzählige Fragen schwirren in meinem Kopf, wenn ich über die beiden Frauen nachdenke, die für mich ein einziges Mysterium sind, werde ich die Gelegenheit haben dem Geheimnis der beiden Frauen auf die Spur zu kommen?

Text 2

 

Kurzgeschichte

Ich hatte mich im Vorfeld schon sehr darauf gefreut, die Möglichkeit zu bekommen mit dem Objekt, das ich mir vorher im Katalog des Deutschen Literaturarchivs ausgesucht habe, in Interaktion zu treten. Zwar war der Weg nach Marbach von Tübingen aus, an diesem Tag (26.5.2023) mit einigen Schwierigkeiten behaftet, da es einen Streik im Nahverkehr gab. Doch ich ließ mich davon nicht beeindrucken, sondern machte mich trotz der Einschränkungen auf den Weg. So kam ich fast drei Stunden später als ursprünglich geplant in Marbach an, doch sobald ich dort ankam und die wunderschöne Umgebung des Campus des Deutschen Literaturarchivs auf mich wirken ließ, war alles andere vergessen. Die Vorfreude auf das Werk mit Therese Huber gewann nach und nach wieder die Oberhand und ich konnte es kaum erwarten, endlich im Briefwechsel der beiden Frauen zu stöbern.

Da ich mich schon zuvor mit dem Objekt beschäftigt hatte, schwirrten viele Fragen in meinem Kopf als ich das Buch aufschlug, und hoffte, endlich Antworten auf meine drängendsten Fragen zu erhalten, wie z.B. welchen Inhalt der Briefwechsel zwischen Therese Huber und Helmina von Chézy hatte. Eine dieser Antworten bekam ich direkt in der Einleitung, in der es hieß, dass sich der Briefwechsel der beiden Frauen von 1818 bis 1826 inhaltlich zwischen der Profession als Schriftstellerin und Redakteurin auf der einen und das Leben als Frau und Mutter auf der anderen Seite bewegte (Kewitz 2004, S.7). Unmittelbarer Anlass der Korrespondenz war die Tätigkeit beider Frauen für das 1807 von Johann Friedrich Cotta gegründete „Morgenblatt für gebildete Stände“. Dabei war der Berufswahl dieser beiden Frauen schon höchst ungewöhnlich, denn die Schriftstellerei von Frauen wurde zu dieser Zeit gesellschaftlich nicht anerkannt. Allerdings konnte dies umgangen werden, in dem anonyme oder pseudonyme Erscheinungspraktiken angewandt wurden, wie auch im Fall von Therese Huber. Obwohl ich schon gewusst habe, dass dies früher eine gängige Praxis war und z.B. auch im Fall von Mary Sherley und Frankenstein angewendet wurde, machten mich diese Zeilen wütend. Auch, weil Therese Huber nie die Möglichkeit bekommen hatte, Bildung zu empfangen. Zwar entstammte sie einer Gelehrtenfamilie und wuchs im universitären Umfeld ihrer Heimatstadt auf, doch ihr Vater ließ ihr nur Hausunterricht von Studenten zuteilwerden. Den empfand sie selbst als „schlendrianmäßigen, schlechten Unterricht“ und sie musste sich selbst autodidaktisch weiterbilden (Kewitz 2004, S. 11). Die Bibliothek ihres Vaters wurde für sie zum eigentlichen Bildungsort, an dem sie ohne System und zuerst heimlich, Bücher der verschiedensten Wissensgebiete las. Sie selbst, sagt auch über sich, dass sie bereits mit vier Jahren Lesen und Schreiben konnte, mit sechs schrieb sie erste Aufsätze und Briefe und mit neun las sie bereits englische Romane. Dadurch wirkt das, was ihr in den späteren Jahren widerfährt, weder gerecht noch fair, denn scheinbar ist sie eine unfassbar intelligente Frau, die aufgrund gesellschaftlicher Konventionen nicht gefördert werden durfte.

Nach den einleitenden Worten, die die Geschichte von Therese Huber in den Kontext eingearbeitet hat und mich emotional mitgenommen hatten, folgten die Briefe, die sich Therese Huber und Helmina von Chézy geschrieben haben. Schon nach dem Lesen des ersten Briefes, den Helmina von Chézy am 9. Januar 1818 an Therese Huber geschrieben hatte, fiel mir auf, dass es gar nicht so einfach ist, die Briefe zu verstehen. Die Briefe wirkten auf mich fast wie eigene literarische Werke mit gewählten Wörtern, wenn es z.B. heißt „empfangen Sie, verehrte Frau, eine kleine Gabe: Blumen auf Schenkendorfs Grab, der Ihnen gewiss als Freund oder doch als edler Mensch und Dichter nicht fernstand.“ Zwar mögen diese Briefe nur so literarisch auf mich wirken, da sie aus einer anderen Zeit stammen und doch ist jeder Brief etwas Besonderes. Anfangs fühlte ich mich etwas unwohl, in der privaten Korrespondenz von Therese Huber zu stöbern, da es fast wie etwas Verbotenes wirkte, denn heute wie sicherlich auch damals gilt das „Briefgeheimnis“, doch das unbändige Gefühl mehr über diese Frau zu erfahren, mit der ich mich auf eine gewisse Weise verbunden fühlte, siegten über mein schlechtes Gewissen. Ohne viel von dem Inhalt zu verstehen, denn dazu benötigt es wahrscheinlich eine umfassende Hintergrundrecherche über das Leben von Therese Huber, scheinen zwischen den redaktionellen Problemen z.B. eine eigene Zeitschrift herauszubringen, Fristen werden nicht eingehalten oder Autorinnen ziehen ihre Manuskripte wieder zurück, auch die ganz „alltäglichen“ Probleme hindurch, wie z.B. die Selbstzweifel, ob sie eine gute Mutter sind. Ein Brief hat mir dabei das Herz besonders schwer gemacht, denn darin schrieb Helmina von Chézy am 1. November 1820 an Therese Huber, dass sie ein längeres Gespräch mit dem Beichtvater ihrer Söhne geführt hat, der ihr wieder Hoffnung in ihrer Situation gegeben hat. Denn für sie ist es schwer, Vater und Mutter zugleich für ihre Söhne zu sein und es sie förmlich zerreißt, dass das literarische Treiben sie manchmal davon abhält für ihre Söhne da zu sein, obwohl nur das Schreiben sie vom Nachdenken über ihre Schmerzen abhält. Diese Zeilen stehen quasi sinnbildlich dafür, was diesen beiden Frauen für ein schweres Los von der Gesellschaft aufgesetzt wurde.

Auch das Abschiedslied, dass Ihrer Majestät Königin Caroline von Bayern ehrfurchtsvoll gesungen wurde und von Helmina von Chézy verfasst wurde, hat mir sehr imponiert:

„Scheiden, Scheiden ist ein Wort / das die tiefste Brust durschneidet, / Alles wandelt, Alles scheidet, / Nur die Treu geht nimmer fort…“ (Kewitz 2004, S.69)

Schlussendlich war die Reise nach Marbach zum Literaturarchiv eine sehr emotionale Reise. Zum einen wegen der schwierigen Umstände dorthin zu kommen und dann auch zum andern in das Leben zweier Frauen zu blicken, die diese Möglichkeiten wie zu dieser Bibliothek zu fahren und zu recherchieren, nie hatten und trotzdem das Beste aus ihrer jeweiligen Situation gemacht haben, wenn sie auch sehr dafür leiden mussten. Mich hat dieses emotionale Erlebnis, allerdings auch zugleich inspiriert, auch an meinen Träumen festzuhalten und wenn der Weg auch mal steinig ist, nicht direkt aufzugeben. Denn ich kann nur meinen tiefsten Respekt diesen beiden Frauen entgegenbringen, die trotz der gesellschaftlichen Widerstände einen Weg gefunden haben, ihren Traum zu leben.

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