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Twister / Play drive is not a luxury

von Miriam Emefa Dzah

Kindheitserinnerungen der 2000er. Die rechte Hand auf einem blauen Punkt, die linke auf einem roten, den einen Fuß in der Luft und den anderen entschlossen auf einem grünen Punkt, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Beim Lesen der Kritik der Urteilskraft von Immanuel Kant markierte Schiller 1792 das Wort „Spiel“ und schrieb „Veränderung u. Bewegung“ an den Rand, doppelt unterstrichen. Der Spieltrieb ist für Schiller „jene wunderbare Rührung, für welche der Verstand keinen Begriff und die Sprache keinen Namen hat.“ Das Spiel hebt die Dichotomie von Empfindung und Vernunft, Körper und Geist, Natur und Mensch, Kunst und Wissenschaft, Allein und Miteinander, Stillstand und Bewegung auf: „Es ist keines von beiden, weil es beides zugleich ist“. Rote, gelbe, grüne und blaue Berührungs- und Reibungspunkte. (PDF)

 

 

 

Spielregeln

„Twister, das verrückte Spiel mit Verknotungsgefahr

Hey Schiri, drehe die Scheibe! Dann rufe laut aus, welche Hand oder welchen Fuß die Spieler bewegen und auf welches Farbfeld sie diese setzen sollen (z.B. ‚Linke Hand, Rot!‘). Nun müssen alle Spieler ihre linke Hand auf ein freies, rotes Feld setzen – und zwar so schnell wie möglich!

Twister-Regeln
1. Es darf immer nur eine Hand oder ein Fuß auf ein und dasselbe Farbfeld gesetzt werden! Der erste Spieler, der dort landet, besetzt dieses Feld. Falls ihr euch nicht einigen könnt, welcher Spieler dieses Feld belegen darf, entscheidet der Schiri. Seine Entscheidung gilt – und zwar immer!
2. Hat ein Spieler eine Bewegung ausgeführt, muss er dort bleiben, bis die Scheibe erneut gedreht wird. Ausnahme: Falls der Schiri euch erlaubt, eine Hand oder einen Fuß kurz anzuheben, um einen anderen Spieler durchzulassen, dürft ihr dies tun.
3. Falls bereits alle 6 Felder einer gedrehten Farbe belegt sind, dreht der Schiri die Scheibe noch einmal.
4. Wenn der Schiri eine Hand/Fuß/Farbkombination ausruft, die du bereits belegst, musst du deine Hand/deinen Fuß trotzdem auf ein anderes Feld derselben Farbe setzen. (Falls alle 6 Farbfelder bereits belegt sind, wird noch einmal gedreht.)
5. Verliert ein Spieler das Gleichgewicht und/oder berührt mit einem Knie oder Ellbogen die Matte oder den Boden (oder fällt sogar ganz um), so hat dieser Spieler ‚ausgetwistert‘ und ist RAUS.”
Ein Auszug aus den Spielregeln von Twister, Hasbro, 2009

Spielregeln des Staates

Nicht ohne Grund spricht Schiller von der ästhetischen Erziehung, nicht von der ästhetischen Bildung. Der Spieltrieb ist kein Luxus, sonders etwas instrumentelles, unerlässlich für sein Ideal des menschlichen Zusammenlebens im modernen Staat. Vernunft und Neigung sollen ineinander verschwimmen. Spielenden Menschen werden abstrakte Regeln zur erlebten Realität, Gesetze zur zweiten Natur. Aus europäischen Fällen werden universelle Gesetze.

Stofftrieb

*Screeeeeeam*

“We think with tools that have been given to us. If we are to create a new order, we must go back, back, back, to what is primary, and those are our feelings; and take those feelings and bring them forward enough, so we can cobble a new way out of them. In other words, a screeaam is just a feeling—but it is not a poem, it’s not a piece of art. We must take the emotion behind that scream and make something out of it that is articulate and powerful and communicative.”, Audre Lorde, Interview mit Marion Kraft

Formtrieb

Die Vernunft hat mir die Gefühle im Mund verdreht

*twist*

„Wie der Scheidekünstler, so findet auch der Philosoph nur durch Auflösung die Verbindung und nur durch die Marter der Kunst das Werk der freiwilligen Natur. Um die flüchtige Erscheinung zu haschen, muss er sie in die Fesseln der Regel schlagen, ihren schönen Körper in Begriffe zerfleischen und in einem dürftigen Wortgerippe ihren lebendigen Geist aufbewahren.“

Verknotungsgefahr/ Eigentümlichkeit

Schillers Arbeitszimmer waren blau, das lässt sich anhand von Tapetenresten deuten. Blaue Konzentration, blaue Isolation.

Schiller befürchtete, dass ein Staat der einzig und allein auf Vernunft aufbaut, das Individuum „aufheben“ könnte und seine Eigentümlichkeit unterdrückt. Die rationale Vernunft wird zum Zufluchtsort, aus Angst vor der Empfindung und der Natur. Das sinnliche Ich wird weggesperrt.

Erotik / Einander umschlingen

In der Variante des Strip Twisters ziehen sich die Spielenden nach und nach aus. Alle beginnen das Spiel mit der gleichen Anzahl an Kleidungsstücken. Immer wenn der Zeiger der Drehscheibe auf der Farbe Rot landet, müssen alle Spielenden ein Kleidungsstück ablegen. Dabei darf nur eine Hand oder ein Fuß die Matte verlassen. Wenn eine Spielende beim Ausziehen das Gleichgewicht verliert und mit dem Knie oder Ellenbogen die Matte berührt, muss sie zur Strafe ein weiteres Kleidungsstück abgeben.

Doch Spiele werden nicht erst durch einen Striptease erotisch. In Poetry is not a Luxury und Uses of the Erotic: The Erotic as Power schreibt Audre Lorde von der Erotik als Form des Wissens und des Seins, abgeleitet vom griechischen Eros. Es geht nicht um das oberflächlich Erotische, physisch Nackte. Erotik ist „self-connection shared“, eine Besinnung auf die Empfindung des Ichs in der Mehrzahl, ein geteiltes Dasein.

Audre Lorde stellt Descartes’ cogito ergo sum auf den Kopf, oder auf das Herz: „Die weißen Väter sagten uns: Ich denke, also bin ich; und die Schwarzen Mütter in jedem von uns – die Dichterin – flüstert in unseren Träumen, ich fühle, also kann ich frei sein.“ Erotik ist kein Luxus, wenn es um die Freiheit geht.

Erotik ist kein Luxus „weil der Weg zu dem Kopf durch das Herz muß geöffnet werden“, so Schiller. Herbert Marcuse sieht Schillers Spieltrieb als „erotische Versöhnung“, in der Ordnung zur Schönheit und Arbeit zum Spiel wird.

„Von den Gefühlen wird erwartet, dass sie vor den Gedanken knien, so wie von den Frauen erwartet wird, dass sie vor den Männern knien“, schreibt Lorde. Erotik wird gefürchtet und ins Schlafzimmer verbannt, weil sie aufrüttelt und uns dazu verpflichtet, sie als Maßstab zu nehmen und unsere innere Dichotomie aufzuheben.

“Die männliche Welt (…) schätzt diese Gefühlstiefe genug, um Frauen in ihrer Nähe zu behalten, damit sie sie im Dienste der Männer ausüben können, aber (…) fürchtet dieselbe Tiefe zu sehr, um die Möglichkeiten dieser Tiefe in sich selbst zu betrachten. Also werden Frauen in einer distanzierten/unterlegenen Position gehalten, um emotional gemolken zu werden, ähnlich wie Ameisen Kolonien von Blattläusen aufrechterhalten, um eine lebensspendende Substanz für ihre Herren zu liefern.“, Audre Lorde, Uses of the Erotic

„Nur in einer völligen Abwertung der Empfindsamkeit“, so Schiller „glaubt man gegen ihre Verirrungen Schutz zu finden“. Spieltrieb ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, wenn die männliche Angst vor der Empfindung und die Abwertung des Erotischen Frauen* in der Rolle der emotionalen Dienstleisterin einsperrt. Spieltrieb ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, wenn Schwarze Menschen in die Rahmen des Sports oder der Musik relegiert werden. Die künstliche patriarchale Spaltung muss durch Spiel, Schönheit und Poesie aufgehoben werden: für Lorde ist Poesie “the way I move through myselves”. Bewegungsfreiheit ist kein Luxus.

Statuen haben Bewegungsfreiheit. „Was Hände bauten, können Hände stürzen“

„Verliert ein Spieler das Gleichgewicht und/oder berührt mit einem Knie oder Ellbogen die Matte oder den Boden (oder fällt sogar ganz um), so hat dieser Spieler ‚ausgetwistert‘ und ist RAUS”, Twister-Spielregeln

Ohne den sinnlichen Trieb ist ein Marmorblock nach Schiller abstrakt und leblos, ohne den Formtrieb hat er keine Gestalt. Erst der Spieltrieb, die Einheit von Form und Sinn, bringt die Skulptur als lebende Gestalt hervor.

„Der sinnliche Trieb will, dass Veränderung sei, dass die Zeit einen Inhalt habe; der Formtrieb will, dass die Zeit aufgehoben, dass keine Veränderung sei.“

Die koloniale Welt, Frantz Fanons „unbewegliche Welt der Statuen“, steht still vor Angst.

“I am
the sun and moon and forever hungry
the sharpened edge
where day and night shall meet
and not be
one.”, Audre Lorde, The House of Yemanj

 

Die Textfragmente von Schiller stammen aus „Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen“ und „Briefe über Don Carlos“.

 

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