Menü
schließen
4

Übersetzen

Für das Herausbilden einer Weltliteratur sind Übersetzungen grundlegend. Oft ergänzen Übersetzer die Übertragung durch Einführungen und Kommentare, um aufzufangen, was durch den Wechsel der Sprache, der häufig auch einer zwischen den Zeiten ist, verloren geht.

Foto: DLA Marbach

x

…  diese feine Tinktur von Weltkenntniß u. Weltliteratur so wie von reifer Charakterbildung u. Wohlbetragen …

Wielands Handexemplar seiner Übersetzung und Erläuterung von Horazens Briefen (1790, Leipzig: Weidmann)

Die Geburt des Wortes ‚Weltliteratur‘ aus dem Geist der antiken Stadt: „was man in den schönsten Zeiten von Rom unter dem Wort Urbanität begriff, diesen Geschmack der Hauptstadt und diese feine Tinktur von Weltkenntniß u. Weltliteratur so wie von reifer Charakterbildung u. Wohlbetragen, die man aus dem Lesen der besten Schriftsteller, und aus dem Umgang der cultiviertesten und vorzüglichsten Personen in einem sehr verfeinerten Zeitalter, unvermerkt annimmt“.

Foto: DLA Marbach

Enzensbergers Neruda-Übersetzung (1955)

Der 26-jährige Hans Magnus Enzensberger übersetzt Pablo Nerudas Gedichtzyklus „Die Raserei und die Qual“ – seine erste größere Veröffentlichung, die selbst wieder einen Kommentar benötigt, um den Hintergrund nachzureichen, vor dem der Gedichtzyklus aus Enzensbergers Perspektive gelesen werden kann: In einem begleitenden Essay „Der Fall Pablo Neruda“ führt er den Chilenen, der fünf Jahre zuvor die 15.000 Verse seines „Canto General“ veröffentlich hatte, als Dichter der Extreme ein: „Auf den Dichter, der die Zwickmühle sprengt, der weder die Dichtung um ihrer Zuhörer noch ihre Zuhörer um der Dichtung willen verrät, und der nicht die Poesie zur Magd der Politik, sondern die Politik zur Magd der Poesie, will sagen, zur Magd des Menschen macht: auf diesen Dichter werden wir vielleicht noch lange, und vielleicht vergeblich, warten müssen.“ 

Kommentare nicht anzeigen Alle Kommentare anzeigen
  • Als „poésie impure“ übersetzt Enzensberger Nerudas Manifest „Obra una poesía sin pureza“, das dieser 1935 mitten im Spanischen Bürgerkrieg veröffentlicht hat: „Es ist sehr nützlich, zu bestimmten Stunden des Tages oder der Nacht die ruhenden Dinge tief zu betrachten: die Räder, die lange, staubige Entfernungen zurückgelegt haben, die Säcke von den Kohlenmärkten, die Fässer, die Körbe, die Henkel und Stiele an den Geräten

    ▼ mehr anzeigen ▼
    ▲ weniger anzeigen ▲

    Als „poésie impure“ übersetzt Enzensberger Nerudas Manifest „Obra una poesía sin pureza“, das dieser 1935 mitten im Spanischen Bürgerkrieg veröffentlicht hat: „Es ist sehr nützlich, zu bestimmten Stunden des Tages oder der Nacht die ruhenden Dinge tief zu betrachten: die Räder, die lange, staubige Entfernungen zurückgelegt haben, die Säcke von den Kohlenmärkten, die Fässer, die Körbe, die Henkel und Stiele an den Geräten des Zimmermanns. (So soll die Dichtung sein, die wir suchen, von Handarbeit abgenützt wie von einer Säure, von Schweiß und Dunst durchzogen, von dem Geruch nach Urin und nach Lilie, die befleckt ist von allen innerhalb und außerhalb des Gesetzes ausgeübten Berufen. Eine Dichtung, unrein wie ein Kleid, wie ein Körper, mit Essensflecken und obszönen Gesten, mit Falten, Beobachtungen, Träumen, durchwachter Nacht, Prophezeiungen, Liebes- und Haßerklärungen, Bestien, Stößen, Idyllen, politischen Überzeugungen, Verneinungen, Zweifeln, Bejahungen, Steuern.“

Foto: DLA Marbach

x

Am Ende entscheidet sich Celan für diese Variante:

Keine Worte, keinerlei.
Nichts, das es zu lehren gilt.
Sie ist Tier und Dunkelheit,
sie, die Seele, gramgestillt.

Nicht nach lehre steht ihr Sinn,
nicht das Wort ists, was sie sucht.
Jung durchschwimmt sie, ein Delphin,
Weltenschlucht um Weltenschlucht.

Pauls Celans Madelstam-Übersetzung (1959)

Paul Celan veröffentlicht 1959 bei S. Fischer einen Band mit Übersetzungen von Gedichten Ossip Mandelstams – für ihn, den 29 Jahre Jüngeren, der im Holocaust seine Familie verlor, ist der 1938 in einem stalinistischen Arbeitslager gestorbene Jude Mandelstam eine Spiegelfigur des eigenen Schicksals. Celans Übersetzungsvarianten kreisen vor allem um die semantischen Felder der Leere und Trauer: „kummerschwer“, „herb und still“, „gramerfüllt“, „gramgestillt“, „gramherb, still“ – seine Variationen für ein und dasselbe russische Wort.

 

Foto: DLA Marbach

x

Zwei der Varianten: [Peter Urban: Beschwörung der Lachmanns. Für Anja, Peter und Renate Lachmann] Ach, Lachmanns, lacht euch ach! / Ach, Lachmanns, lacht euch lach! / Damit ihr lacht mit hach und lach, daß ihr euch lächrig lacht. / Ach, lacht euch lachelach. / Ach, lacheliche Lächlache – Lachen all der lächtlichen Lachmeier! / Ach, lach dich plach, Lachen lachlechlicher Lächlmeier! / Lächelich, lächelich, / Achlächel, Hachlachel, Lächlacher, Lächlacher, / Lächleriche, Lächleriche – / Ach, Lachmanns, lacht euch ach! / Ach, Lachmanns, lacht auch lach!

[Oskar Pastior: Allerleilach. Kopfankopf-Koppel] Zum Lachen, daß ich nicht lache. Mich lachzig lache, mich lächerig lache, in Auflachungen die Lacher lächerlich lache, mich vor Lachen erlache, vor Lächerlichkeit mich lachend belache, nach Lache lechze vor Gelächter, lachhaft, lachhaft, lachhaftiglich lachhaft, hach. Von der Erlachbarkeit lacher Gelächter. Von der Lachlichkeit lachender Lachkünfte. Vom belächelten Lachtum. Seid lachsam, lachsam, das Lachsal ist lach. Daß ich’s mir anlache, gelacht, lachend einen lacherlangen Beilach, daß mein Gelächt sich auflachert, lach, lächer, am lächersten, die Lachgelachschaft, die Gelächterschaft lachend verunlächere, die Lachmacher, Lachbolde, Lachlinge, Lächlinge, Lachiane, den Lacher und die Lachin, den Lachant und die Lachantin, Allachingens Lachgeläut. Von der Urlächlichkeit. Was Lacherer zusammenlächern. Vom Belachern und Belächtern. Von den Gelachteten und Erlächtigten. Lachter Lachterer lachinierend. Wie Lachinchen den Lachiner überlächtelt. Lachelinchens Lache. Lachisten und Lachistinnen beim Lachsen. Hergelacht, Lächerchen. Lächlächelt, Lacherle. Lach, Lachedei. Die Auflache, die Zulache, die Lachination. Der Verlach. Lachig lach ich’s Lachsel; lach ich’s lachsig, lach ich Lachs. Dem Lachenden lacht Lächlächerlichungen lachaler Lachtiker. Die Lächelungen der Laschen. Lacheraner vergelachtigte Lachtin; lachte Anlacht in Zubelach. Lacherlicht. Daß ich Lachen lache, mir ins Lächtchen lächigle, erlachter Lach, lacherter. Hach, die Lachlache lachlacher Gelächterlacher. Lachelte die Belachin. Zum Lachel, loch der Luch. Ich lach mich aus, ich lach, daß ich lachliere, daß ich vor Lachheit zerlache, ich bin zum Verlachen ins Lachen verlacht, ins lache Gelächter über lacherlei Lachnis. Vom Lachen über das Gelächter über die Verlachtheit der Lache.

Peter Urbans Worterläuterungen für Chlebnikov-Übersetzer (1972)

Für die zweibändige Werkausgabe von Velimir Chlebnikov (Rowohlt 1972), die Peter Urban herausgibt, lädt er Schriftsteller wie Celan,  Enzensberger, Jandl, Mayröcker, Mon, Pastior und Rühm ein, mit der Slavistin Rosemarie Ziegler zusammen an den deutschen Fassungen der Gedichte zu arbeiten. Für das Gedicht „Заклятие смехом“ („Beschwörung durch Lachen“, 1910), legt er ein Erläuterungsblatt bei: „Das Gedicht besteht aus einer Reihe von russisch regulären Ableitungen von der Wurzel ‚sme‘ bzw. den Wortstämmen ‚smech‘, ‚smej-‚und ‚sme˘s-‚ die im Deutschen durch ‚lach-‚und ‚läch-‚wiederzugeben wären: ‚smech‘ als Substantiv bedeutet ‚das Lachen‘, ‚Gelächter‘. Chlebnikov spielt außerdem mit dem Verbum ‚lachen‘ (smejat’sja), das im Russischen reflexiv ist, bei Chlebnikov aber nicht immer als Reflexivum gebraucht wird.“

 

 

Foto: DLA Marbach

Ein Fonds für Übersetzer

Der Übersetzer als „nachschöpfender Schriftsteller“ , der „Musse braucht“. So skizziert der gelernte Kaufmann und spätere Autor und Übersetzer Curt Meyer-Clason am 12. Juli 1968 die Figur des Übersetzers Siegfried Unseld gegenüber und schlägt ihm die Gründung eines Fonds für Übersetzer vor.

Meyer-Clason selbst übersetzte die großen Namen der Weltliteratur, vor allem aus dem Spanischen und Portugiesischen: u.a. Jorge Amado, João Guimarães Rosa, Clarice Lispector, Gabriel García Márquez, Jorge Luis Borges und Juan Carlos Onetti. Meyer-Clasons eigenes Arbeitsethos machte deutlich, dass zum Übersetzen sehr viel mehr gehört als eine bloße Übertragungsarbeit: Sein unermüdlicher Einsatz als Sprachrohr der Autoren, Kulturvermittler und Wegbereiter der Rezeption lateinamerikanischer Literatur und Kultur in Deutschland brachte ihm in den verlagsinternen Korrespondenzen den Spitznamen „Patriarch“ – in Anlehnung an García Márquez – ein.

Foto: DLA Marbach

Attila József in deutscher Übersetzung – Stephan Hermlin am 4. März 1954 an Peter Huchel

1954 schickt Stephan Hermlin seine ersten Übersetzungen einiger Gedichte des ungarischen Lyrikers Attila József (1905–1937) an Peter Huchel. Die Gedichte erscheinen tatsächlich im gleichen Jahr bei „Sinn und Form“, Hermlin prägt dadurch nachhaltig die (ost-)deutsche Rezeption Józsefs als „ungarischen Majakowski“ und Vertreter einer proletarischen Weltlyrik, dessen Werk Einflüsse von Endre Ady, Charles Baudelaire und Edgar Allan Poe sowie Johannes R. Becher, Erich Weinert und Bertolt Brecht enthält.

Der im Brief ebenfalls angesprochene Band „Attila József, Gedichte“, der u.a. auch Übersetzungen von Franz Fühmann und Peter Hacks umfasst, erscheint 1960 bei Volk und Welt. Dass es sich bei den ins Deutsche übertragenen Versen Józsefs eher um Nachdichtungen als um eng an der Originalvorlage orientierter Übersetzungen handelt, verrät das Vorwort des Bandes, ebenfalls von Hermlin verfasst: „Keiner der Nachdichter besitzt irgendwelche Kenntnisse des Ungarischen. […] Wir nahmen nur solche Übertragungen auf, die wir für lesbar hielten und von denen wir glaubten, daß sie Attila Józsefs Bild in Deutschland sichtbar machen könnten – wenn nicht getreu in jedem Zug, so doch als das Bild eines großen und unglücklichen Dichters, wert aller Liebe und Ergriffenheit.“

Schreibe einen Kommentar