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Poesie-Hackathon

Das Ausstellungskapitel Zählen. Hölderlin mit den Fingern lesen wurde durch einen „Poesie-Hacakthon“ erweitert: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Halle, Marbach, Moskau, Potsdam, Stuttgart und Würzburg haben an kuratierten Daten zu den Gedichten von Schiller, Mörike, Hölderlin und Celan digitale Analysen durchgeführt und in einem Online-Workshop ihre Methoden, Ergebnisse und Interpretationen diskutiert: Was ist Poesie, wenn wir sie als Ansammlung von Daten betrachten, bearbeiten, analysieren? Was für Strukturen, was für Muster lassen sich erkennen? Was fangen wir mit diesen an – was können sie uns über Poesie sagen, was können wir dazu erzählen? Und, das wäre eine unserer Hypothesen: Ist die Poesie gegenüber den typischen computerphilologischen bzw. computerlinguistischen Routinen widerständiger als andere literarische Gattungen? Welches Erkenntnispotenzial liegt dann in dieser Widerständigkeit?

Die Themen: „Poesie als Fehler“ (Henny Sluyter-Gäthje und Peer Trilcke) – „Hölderlin hacken, Mörike modifizieren“ (Melanie Andresen, Hana Kang und Natalia Tkachenko) –  „Schwäbische Explorationen“ (Fotis Jannidis und Leonard Konle) – „Pixelpoesie“ (Anna Busch und  Torsten Roeder) – „Neural Reading“ (Frank Fischer) – Gespräch mit Hannes Bajohr über Poesie und künstliche Intelligenz. X

Konzept: Heike Gfrereis und Peer Trilcke in Kooperation mit dem Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel, dem SDC4Lit, dem Netzwerk für Digitale Geisteswissenschaften und dem Theodor-Fontane-Archiv der Universität Potsdam.

Heike Gfrereis und Peer Trilcke haben exemplarisch und ausstellungsvorbereitend 2018 im Hackathon Der Fontane Code zusammen mit dem Theodor-Fontane-Archiv und dem Digital Humanities-Netzwerk der Universität Potsdam Fontanes Romane auf ihre Visualisierbarkeit hin befragt.

 

Impressionen vom Poesie-Hackathon am 18. Juni 2021, ausgewählt von Alina Palesch, die den Hackathon in einem Gespräch vorstellt

 

„Alina, Du hast Literaturwissenschaft studiert, machst zurzeit ein wiss. Volontariat in den Museen mit dem Schwerpunkt Literaturvermittlung und warst heute unter den Zuhörern des Poesie-Hackathons. Kann man aus Deiner Sicht Poesie mit dem Computer lesen?“

Ja, das war heute das große Thema des Hackathons. Wahrscheinlich gibt es zwei Antworten: Ja und Nein. Einerseits ja, man kann Poesie mit dem Computer lesen. Das zeigt die Ausstellung Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie, da dort mithilfe des Computers die häufigsten Wörter im gesamten Korpus der Gedichte Hölderlins bestimmt wurden. Was händisch eine endlose Arbeit gewesen wäre, schafft der Computer sehr viel schneller: An den Wänden können wir jetzt unter anderem die häufigsten Substantive sehen und daran die wichtigsten Themen von Hölderlins Gedichten ablesen.

„Und was spricht dagegen?“

Andererseits besitzt die Poesie ihre ganz eigene Sprache. Ein Algorithmus zum Beispiel kann besonders gut Muster erkennen. Fällt etwas aus dem Muster heraus, dann wird ein Fehler angezeigt. Das passiert bei Gedichten besonders häufig, deswegen werden Gedichte eher stiefmütterlich in die computergestützten Forschung miteinbezogen. Denn die einzigartige Sprache der Poesie reicht von Wortneuschöpfungen und ungewöhnlichem Satzbau über das Großschreiben von Wörtern am Versanfang bis zur Elision (statt „ewige“ z.B. „ew’ge“).Wenn man die Gedichte dann mit dem Computer analysieren will, stößt man auf viele weitere solcher spannenden Phänomene. Diese Sprache der Poesie und ihre „Fehlerhaftigkeit“, wie sie aus Sicht des Computers erscheint, haben auch die Hackathon-Teilnehmer vor große Herausforderungen gestellt.

„Was für Probleme waren das?“

Wortneuschöpfungen oder seltene Wörter z.B. werden von den computationellen Analysetools nicht oder falsch erkannt, sodass man dann auch gar nicht damit weiterarbeiten kann. Beim Poesie-Hackathon ging es ganz viel darum, was für Fehler entstehen, wo sie entstehen und wie man sie beheben könnte. Ein großer weiterer Punkt bei Lyrik ist das Metrum, oftmals werden in Gedichten Wörter dem Metrum angepasst, auch das kann computergestützt momentan nicht erkannt werden. Allerdings wurde ein Algorithmus vorgestellt, der fehlerfrei einen Hexameter reproduzieren kann, ohne dabei zu wissen, was ein Hexameter ist. Das funktioniert allein über das Training mit Daten, wobei das System, mit dem der Algorithmus das macht, für den Menschen noch nicht erkennbar ist.

„Du hast nun häufig von ‚Fehler‘ oder ‚Fehlerhaftigkeit‘ gesprochen. Ist Literatur – vor allem Poesie – etwas, wo wir anders mit Fehlern umgehen und sie selbstverständlich auf unterschiedliche Weise produktiv machen?“

Definitiv. Offenbar ist es vor allem für die Lyrik unumgänglich, die Regeln der Standardsprache an ihre Grenzen zu bringen oder sogar zu überschreiten. Das hat man bei den Forschungsprojekten des Hackathons gut sehen können. Denn oftmals nehmen wir diese „Fehler“ beim Rezipieren der Gedichte gar nicht bewusst wahr. Wir können automatisch „ew’ge“ in „ewige“ auflösen und stören uns nicht daran, wenn das Verb fehlt oder sich an einer falschen Stelle befindet. Erst die Analyse mit dem Computer führt uns vor Augen, wie komplex und schwierig dieser Verstehensprozess von Literatur eigentlich ist. Auch die Bedeutung von Wortneuschöpfungen durchschauen wir ohne Probleme, sie wecken sogar unsere Neugierde. Ich denke, dass Leser von Gedichten geradezu erwarten, dass mit der Sprache etwas Ungewöhnliches passiert und das den Reiz ausmacht. Dieser Regelbruch auf sprachlicher und nicht nur inhaltlicher Ebene gehört zu unserer Vorstellung von „Poesie“.

„Gibt es etwas, das Du heute gehört oder gesehen hast, an das Du gern mit eigenen Forschungen anschließen würdest?“

Oh ja, am liebsten an alles. Am meisten hat mich die Idee fasziniert, die Innovation poetischer Sprache daran zu messen, wie Metaphern oder Metonymien von Autor:innen gebildet werden. Bei diesem Ansatz wurde geschaut, aus welchen Wortfeldern die Begriffe stammen, die z.B. für die Metapher zusammengebracht werden. „Fuß des Berges“ ist z.B. eine Genitivmetapher, die aus dem Wortfeld Körperteil/Mensch und dem Wortfeld Natur besteht. Besonders innovativ wirken Metaphern, bei denen die beiden kombinierten Wortfelder weit voneinander entfernt liegen. Ich finde den Gedanken faszinierend zu analysieren, auf welche unterschiedliche und vielleicht auch eigene Art Autor:innen Metaphern bilden. Daran anschließend finde ich aber beispielsweise auch den Ansatz spannend, sich anzuschauen, wie einzigartig die Reimwörter der Autor:innen sind. Bei beiden Forschungsansätzen kann man eventuell Eigenheiten herausarbeiten und gleichzeitig auch Texte noch einmal anders miteinander vergleichen.

„Mit dem computergestützten Forschen kann man größere Datenmengen analysieren, das heißt Texte noch einmal ganz anders lesen. Welche Chancen siehst Du noch?“

Dass der Hackathon so gut an die Ausstellung „Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie“ anschließen konnte, liegt auch daran, dass beides – das Ausstellen und das computergestützte Forschen – auf das Visualisieren von Ergebnissen und im Fall der Literatur: von Texten zielt. Das war auch beim Poesie-Hackathon nicht anders – von Säulen- und Balkendiagrammen über fertige Gedichte bis hin zu neuen Visualisierungsansätzen. Letzteres war z.B. ein Entwurf, alle Buchstaben eines Gedichts über einen Strich zu kennzeichnen, sodass man quasi einen Binärcode erhält, der aus Strich und Leerstelle besteht und auf diese Weise das Gedicht auf neue Weise erfahrbar macht. Gerade beim Ausstellen von Literatur ist es spannend, neue, zusätzliche Lesarten zeigen zu können. Besucher:innen kennen meist die Texte, wenn sie die Ausstellung besuchen und freuen sich, wenn sie etwas Neues lernen können. Da bietet uns der computergestützte Zugriff natürlich ganze neue und auch ganz andere Möglichkeiten. Wir finden so auch neue Formen der Vermittlung: Der literarische Text kann mithilfe des Computers erweitert werden und auf diese Weise z.B. mehrere Entstehungsstufen sichtbar machen oder in ein anderes Medium übersetzt werden – wie z.B. bei unserer „Beatbox“, die Hölderlins Gedichte klanglich erfahrbar werden lässt.

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