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Zählen. Hölderlin mit den Fingern lesen

Gedichte gleichen Körpern, besitzen so etwas wie Oberfläche und Tiefe, Mitte, Ränder und Grenzen, Oben und Unten, Vorne und Hinten, sind Umriss, Schema und Füllung. Wir rücken ihnen oft mit Fingern und Stiften zu Leibe, zählen Zeichen und Klänge, Buchstaben, Silben, Vokale, Versfüße, Reime, Wörter, Zeilen, Sätze.*

Welche Elemente eines Gedichts lassen sich dabei buchstäblich in die Hand nehmen, welche einzeln heraus hören, was klingt wie zusammen, was wiederholt sich, was bleibt einmalig? Um dieses poetische, tiefe, nahe und zugleich ferne Lesen X in einer Ausstellung sichtbar zu machen, haben wir das 1804 zum ersten Mal veröffentlichte Hölderlin-Gedicht „Hälfte des Lebens“ in ein Poesiemodell mit zwei Ansichten und einem Klangkörper übersetzt.

1799 las Hölderlin Schillers Dramen ein zweites Mal, um sie, wie er Schiller schrieb, „mit Verstand zu lesen“ und sich auf den „inneren Bau“ zu konzentrieren – sein Gegenmodell zum selbstvergessenen Eintauchen in Literatur: „’Don Carlos‘ war lange Zeit die Zauberwolke, in die der gute Gott meiner Jugend mich hüllte, daß ich nicht zu frühe das Kleinliche und Barbarische der Welt sah, die mich umgab.“

Über 110 Jahre später beschrieb der russische Literaturwissenschaftler Viktor Sklovskij die „Spürbarkeit des Aufbaus“ als Kennzeichen der Poesie: „Die poetische Sprache unterscheidet sich von der prosaischen dadurch, dass ihr Aufbau spürbar wird.“

Foto (Ausschnitt): WLB Stuttgart [Württembergische Landesbibliothek, Hölderlin-Archiv, Stuttgarter Foliobuch, Cod.poet.et.phil.fol.63,I,6, 52/53].

* Poesie als Fingerkunst

 

Ein Versfuß heißt sogar nach dem altgriechischen Wort für Finger: ,Daktylos‘. Ein Daktylos besteht – wie ein Finger aus drei Gliedern – aus drei Silben, einer langen und zwei kurzen.

Hölderlin umspielt dieses Versmaß in seinem Gedicht „Unter den Alpen gesungen“ und kombiniert es mit einem zweiten, dem zweisilbigen ,Trochäus‘ (nach dem altgriechischen Wort für ,laufend‘, ,schnell‘): „[Und frei will ich, so / Lang ich darf, euch all’,] Sprachen des Himmels! / Deuten und singen.“

Diese Kombination aus Daktylus und Trochäus nennt man seit der Antike ,Adoneus‘, nach dem Klageruf „o ton Adonin“ (‚O Adonis‘), mit dem die Dichterin Sappho den schönen Jüngling Adonis betrauert hat, der vor den Augen seiner Geliebten, der Liebesgöttin Aphrodite, von einem Eber verwundet wurde und starb.

So steckt in einem kleinen rhythmischen Motiv, das übrigens auch im Titel des Gedichts „Hälfte des Lebens“ anklingt (auf dem Foto eben: Hölderlins Notation einer sapphischen Ode, die mit einem Adoneus endet), eine ganze mythologische Erzählung.

 

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